Bigindicator

45. Ausstellungsprojekt

Event  |  Reviews  |  Comments
20171112093324-img_4378_r
20171112093346-image1_u
20171112093408-image6_u
November 11th, 2017 - December 3rd, 2017
Opening: November 11th, 2017 6:16 PM - 8:00 PM

DESCRIPTION

 

 

Meine Damen und Herren, liebe Freunde,

ich möchte beginnen mit einigen Zeilen aus einem Gedicht, geschrieben von dem wohl größten jiddischen Poeten und Prosaisten Avraham Sutzkever, der das Ghetto von Vilnius als einer der wenigen überlebte.

Die Zeilen lauten:

Ver wet blaybn, vos vet blaybn?

Blaybn vet a vint

Blaybn vet di blindkayt funem blindn,

vos farshvindt.

Was wird bleiben? Diese Frage drängte sich mir auf, als ich vor wenigen Tagen durch diese Räume ging. Die Frage kam zunächst in diesem Raum auf, in dem wir jetzt gerade stehen, aber sie begleitete mich dann auch durch die anderen Räume.

Was bleibt bei Hans-Uwe Schmidt, diesem Urgestein der hiesigen Künstlerwelt? Wir kennen wahrscheinlich alle seine Auseinandersetzung mit der jüngeren Kunstgeschichte; Szenen in denen er auf ebenso eigenwillige und faszinierende wie künstlerisch perfekte Weise zusammenbringt, was bei ihm an Fragmenten der Kunst lebendig vorhanden ist.

Und jetzt sehen wir uns auf einmal konfrontiert mit menschlichen Figuren, die sich, jede für sich, in ihrer ganz persönlichen Enge aufhalten. In Quadraten, die so klein sind, dass die menschlichen Wesen oft noch nicht mal mit diesem Raum auskommen. Der Mensch, dessen Individualität reduziert ist auf seine Gestalt, auf seine motorischen Möglichkeiten und oftmals auch auf elementare Gesichtszüge. Das Individuum, das in seiner Nacktheit die Enge des Raumes verkraften muss, den er einnimmt. Wer wird überleben? Der Mensch als Gattung? Als Typus? Oder nur das Quadrat? das Mathematische, das auch ganz ohne uns auskommen könnte?

Hans-Uwe, der mit dieser seiner Ausstellung seinen 80. Geburtstag feiert, einen Geburtstag – der eigentlich schon mehrere Monate zurückliegt – , an dem wir uns jetzt alle mit Dankbarkeit beteiligen, …. Hans-Uwe Schmidt nennt seine hier gezeigten Motive „Nischen-Figuren“. Er nimmt Bezug auf  unser Verständnis des „Nischen-Daseins“, das wohl nicht nur für diejenigen eine Rolle spielt, die tatsächlich in der Nische eines Pappkartons zu überleben versuchen. Jeder lebt in seiner Nische, trägt sie mit sich herum, gestaltet sie auch, mit jedem Schritt und mit jeder Entscheidung. Es ist nicht weit weg, lieber Hans-Uwe, von der Seinsfrage von Avraham Sutzkever: Ver wet blaybn, vos vet blaybn?

Auch Gisoo Kim thematisiert den Menschen, wenn sie diesen in ihre Landschaften hineinmanipuliert und ihn dann wieder halbwegs verschwinden lässt. Verschwinden hinter dem Netz der real gezogenen, gestickten Linien. Wir sehen den Menschen bei ihr nicht klar und deutlich, sondern meist hinter einem Gewebe von waagerechten und senkrechten Fäden.

Können wird den Anderen eigentlich ohne ein solches Netz, wirklich sehen? Oder ist immer ein Etwas dazwischen? Wie nah können wir dem Anderen wirklich kommen? Welche Einsamkeit bleibt dem anderen, den wir nicht ganz erkennen können? Und wo sind wir selbst? Vor oder hinter einem Liniengitter?

Mit der genähten Linie schafft Gisoo Kim auf minimalste Weise ein Ausgreifen ins Dreidimensionale. Nur aus allernächster Nähe erkennt man das Handwerkliche, auch das Handwerkliche der Fotomontagen. Begeben Sie sich auch ganz nahe an die Tagebuchaufzeichnungen, die übernähten, kleinen Fotoszenen in ihren minikleinen Rahmen. Sie entdecken dort die großen Dimensionen der Arbeiten von Gisoo Kim.

Hier in diesem Raum, in dem wir uns jetzt befinden, zeigt Reinhold Engberding einige Aspekte seiner künstlerischen Arbeit. Hier – ich sagte das eingangs – fielen mir die Zeilen von Avraham Sutzkever zunächst ein. Was wird von uns bleiben? Nicht nur von dem Menschen, der im Pappkarton lebt, oder von denen, die ihre Kleidungsstücke einfach auf der Straße liegen lassen…

Begegnen wir hier, zwischen den aufgelesenen, gewaschenen, eng zusammengeballten, und dann eingefassten Kleidungsstücken Menschliches? Was ist von den Trägern geblieben? Haben sie Spuren hinterlassen? Sind das hier reale Spuren? Wie leben oder lebten sie weiter?

Wir können – offensichtlich – aus ihren zurückgelassenen Textilien KUNST machen. Eine Komposition aus Formen und Farben an der Wand einer Galerie. Der Bildhauer Engberding formt, gestaltet diesen Raum – auch mit dem ausgespannten Stoff,der eine Kontraform zu einer möglichen kleidenden Hülle darstellt.

Reinhold Engberding formt. Er arbeitet gleichzeitig an der Gestaltung unseres Bewusstseins für die existentiellen Fragen, die auch in den anderen Räumen hier unvermeidlich aufkommen. Es ist ein Bildhauer am Werke, ein Plastiker, könnte man mit gutem Recht sagen. Formt er die Wand? Formt er den Raum? Ein Denkraum ist es auf jeden Fall.

Wäre ich gläubig, könnte ich auch den Schluss des Gedichtes von Avraham Sutzkever voller Akzeptanz lesen: Vos vet blaybn, got vet blaybn. Is dos nit genug?

Für mich bleibt aber die Frage des Beginns: Ver vet blaybn, vos vet blaybn.

 

Drs. Ron Manheim, ehem. stellvetretender Direktor Schloß Moyland