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Holger B. Nidden-Grien

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untitled (Entscheid dich ...) - detail, 2008 Text, Embroidery On Canvas (Old Bed Sheet About 45 X 38 Cm © the artist, VG Bildkunst
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untitled (INVASIONEN _ in meinen neuen träumen ...), 2011 Pretend To Be Lino Cut, Text On Cotton (Old Bed Sheets) 85 X 50 © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #1 - düster nabelt mein uterus, 1999 Texts Printed With Stamps On The Wall All Over View Varies © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #1 - düster nabelt mein uterus, 1999 Texts Printed With Stamps On The Wall All Over View Varies © the artist, VG Bildkunst
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ONANIE aus correspondentia #1 - düster nabelt mein uterus, 1999 Detail Text Printed With Stamps On The Wall With Empty Frame About 30 X 50 © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #2 - inside it´s calm and warm, 2002 Texts On Two Posters And A Postcard All Over View Each Poster About 140 X 100 Cm © the artist, VG Bildkunst
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inside it´s calm and warm, 2002 Postcard 8 X 15 Cm © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #2 - inside it´s calm and warm (detail), 2002 Text On Poster About 140 X 100 Cm © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #2 - inside it´s calm and warm (detail), 2002 Text On Poster About 140 X 100 Cm © the artist, VG Bildkunst
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Hodenwugg sen. In Berlin - Correspondentai # 3, 2006 About 110 X 400 X 70 Cm © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #3 - Hodenwugg sen. in Berlin, 2006 Text In A Public Vitrine About 110 X 400 X 70 Cm © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #3 - Hodenwugg sen. in Berlin, 2006 Text In A Public Vitrine With A Jigsaw Portrait View Inside About 110 X 400 X 70 Cm © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #4 - Ich male mit dem Arsch, 2011 Text And Two Portraits Printed On Wallpaper All Over View Each About 220 X 100 Cm © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #4 - Ich male mit dem Arsch, 2011 Text And Two Portraits On Wallpaper Detail Text About 220 X 100 Cm © the artist, VG Bildkunst
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correspondentia #4 - Ich male mit dem Arsch, 2011 Two Portraits And Text On Wallpaper Detail Portrait About 220 X 100 Cm © the artist, VG Bildkunst
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Ich male mit dem Arsch - correspondentia # 4, 2011 Text And Two Portraits On Wallpaper About 220 X 100 Cm © the artist, VG Bildkunst
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from the series "Is that my Son? - mugshots", 2013 Ink Painting On Canvas 144 Pieces, Each About 90 X 60 Cm © the artist, VG Bildkunst
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Wiege Waage wie schwer, 2014 Five Men´S Shirts, H = About 350 Cm, ∅ About 110 Cm © the artist, VG Bildkunst
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Wiege Waage wie schwer, 2014 Five Men´S Shirts, Unstitched, Stuck Together In A New Way H = About 350 Cm, ∅ About 110 Cm © Gabrile Rennert, the artists, VG Bildkunst
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Death ain´t dead, ain´t it., 2014 24 Photoprints, Candles Each Photo About 21 X 16 Cm © Gabrile Rennert, the artists, VG Bildkunst
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Wiege Waage wie schwer (Gedicht), 2014 Concrete Poetry On Paper About 40 X 30 Cm © the artist, VG Bildkunst
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survey, 2013 Installation Of 144 Portraits, Ink On Bed Sheets Varies, Each About 90 X 60 Cm © Vincent Horn, Tubingen, the artists and VG Bildkunst
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survey, 2013/15 Installation Of 144 Portraits, Ink On Bedsheets Varies, Each About 90 X 60 Cm © Richard Serrano, Dallas
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survey with K. Yoland, Heyd Fontenot and Annabel Daou, 2013/15 Installation Of 144 Portraits, Ink On Bedsheets Varies, Each About 90 X 60 Cm © Richard Serrano, Dallas
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survey, 2013/15 Installation Of 144 Portraits, Ink On Bedsheets Varies, Each About 90 X 60 Cm © Richard Serrano, Dallas
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survey, 2013/15 Installation Of 144 Portraits, Ink On Bedsheets Varies, Each About 90 X 60 Cm © Richard Serrano, Dallas
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survey, 2013/15 Installation Of 144 Portraits, Ink On Bedsheets Varies, Each About 90 X 60 Cm © Richard Serrano, Dallas
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survey / deatil, 2013/15 Installation Of 144 Portraits, Ink On Bedsheets Varies, Each About 90 X 60 Cm © Richard Serrano, Dallas
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survey / deatil, 2013/15 Installation Of 144 Portraits, Ink On Bedsheets Varies, Each About 90 X 60 Cm © Richard Serrano, Dallas
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Quick Facts
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as a writer cooperating with the artist Reinhold Engberding, conceptual
Statement

 

Holger B. Nidden-Grien has been invented by the German artist Reinhold Engberding in or about 1996.

Both cooperate once in a while.

 


the following is the openeing speech to the first joint action of Engberding and Nidden-Grien,

CORRESPONDENTIA #1 - Düster nabelt mein Uterus, 1999 in Berlin

sorry, only in German:

 

Florian Höllerer, Literaturwissenschaftler, Berlin und Brüssel, zur Eröffnung der Ausstellung von Engberding / Nidden-Grien Correspondentia # 1 - Düster nabelt mein Uterus, in der Galerie „Neue Anständigkeit“, Berlin, März 1999

„Ich habe also die Freude und die Ehre, die beiden Künstler heute abend kurz vorzustellen: Reinhold Engberding, wohn- und arbeitshaft in Langwedel und in Hamburg, den man seit 1994 von zahlreichen Ausstellungen kennen kann, mit verschiedensten Arten von Installationen, großen Textilskulpturen, vielen Photoarbeiten, Plastiken aus Ton und vielem mehr – . Zuletzt ausgestellt hat Engberding Anfang dieses Jahres in Hamburg, im Künstlerhaus Bergedorf; unter dem Titel „Die große Nacht“. Er ist also hier für den zeichnerischen Teil der Ausstellung verantwortlich.

An seiner Seite Holger B. Nidden-Grien, der seit einigen Jahren mit Reinhold Engberding zusammenarbeitet und die Gedichte schrieb. Entstanden sind diese Texte in den Jahren 1993-98. Es handelt sich hier um die erste Gemeinschaftsausstellung der beiden: CORRESPONDENTIA #1

Geburtsstunde der Zusammenarbeit der beiden war – nach eigenen Angaben – der 11. August 1997 gegen Mitternacht. – Beide seien jedoch sicher, daß es schon früher ein erstes Treffen gegeben hat. Nidden-Grien vermutet, daß ca. zwei Jahre, Engberding hingegen, daß mehr als drei, eventuell sogar mehr als dreißig Jahre seit dem ersten Treffen vergangen sind.

Wir sind also zunächst bei dem schriftlichen Teil der Ausstellung, Nidden-Griens sogenannten „literarischen Quadraten“. Die Texte basieren auf der Zerlegung von Wörtern in ihre Bestandteile. Zu jedem der Gedichte gibt es einen Ausgangsbegriff, den man am leichtesten erfaßt, indem man die Anfangsbuchstaben der ersten Verse von oben nach unten liest: z.B. das erste Gedicht, im ersten Raum, links neben der Tür, basiert auf dem Wort „RUHE“, im übrigen zufällig auch der Titel von Engberdings erster Ausstellung in 1994. Die Gedichte schlängeln sich durch die Räume, bis sie beim Begriff „ENDE“ angelangt sind.

Die einzelnen Buchstaben der Begriffe werden zu Anfangsbuchstaben von anderen Wörtern, Neubildungen, die sich – ausgehend von dem einen Wort vervielfältigen. Fast wie in Schüttelversen, in denen Buchstaben ihre Plätze tauschen und subversiv die Bedeutung verkehren. „Es klapperten die Klapperschlangen, bis ihre Klappern schlapper klangen“. Wir werden allerdings sehen, daß Nidden-Griens Schüttelmethode ganz andere und eigenwillig radikalere Auswirkungen hat.

Eine Schlüsselrolle in Nidden-Griens Verfahren spielt das Prinzip des Anagramms, im übrigen auch ein Leitfaden in den Werken von Engberding. Was ist ein Anagramm? – Die Umordnung von Buchstaben innerhalb eines Wortes. Amor – Roma. Oder: der Name des Dichters Paul Celan ist ein Anagramm seines eigentlichen Namens: Paul Antschel (Antschel – Tschelan – Celan).

Es gibt einen englischen Dialog zwischen Engberding und Nidden-Grien, der nur aus Anagrammen der Fügung „the dream of reason“, der Traum der Vernunft, besteht. „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“ – Titel des berühmten Caprichos No. 43 von Goya. Bei Engberding und Nidden-Grien mutiert dieser „dream of reason“ zum Beispiel zu dem Ausdruck „a man droo the feers“ – wohinter sich der Satz „a man drew the fears“ verbirgt: „ein Mann zeichnete die Ängste“ – eine Art Antwort auf die ursprüngliche Buchstabenkonstellation von Goyas Titel „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“.

„A man droo the feers“ war auch der Titel einer großen Ausstellung von Engberding in Brunsbüttel. Zu dieser Ausstellung gibt es einen wirklich schönen Katalog, der hier auch ausliegt. In diesem ist der gesamte Dialog nachzulesen wie auch in dem Begleitheft der hiesigen Ausstellung mit allen hier gezeigten Gedichten sowie vieler wissenswerter Hinweise zur Biographie der Autoren, zur Traditions-Geschichte ihrer Zusammenarbeit und vor allem zur Entstehungsweise der Werke.

Vielleicht liegt Engberding und Nidden-Grien auch deshalb soviel am Prinzip des Anagramms, weil – ich weiß gar nicht, ob Euch beiden das schon aufgefallen ist – Eure Namen auch jeweils das Anagramm des anderen bilden: Reinhold Engberding – Holger B. Nidden-Grien.

Wie dem auch sei – jedenfalls handelt es sich um ein altbewährtes Prinzip, das sich nicht zuletzt in der deutschen Barock-Lyrik großer Beliebtheit erfreute, wie im übrigen auch das Kalligramm, also die Anordnung von Worten in Form eines Bildes, einer Figur – auch in dieser Richtung gibt es Bezüge zu dieser Ausstellung. – Denn in Korrespondenz zu den Zeichnungen Engberdings und auch zu den leeren Rahmen erhält die äußere Form der Gedichte einen gewissen Bildcharakter.

Das Interesse am Anagramm und Kalligramm setzt sich fort bis in die Moderne. Genannt sei nur die Richtung der sogenannten „konkreten Poesie“, die hier in Berlin eine Fortsetzung in dem Lyriker Oskar Pastior findet. Und genannt sei auch Jacques Roubaud, prominenter Vertreter der französischen OULIPO-Gruppe. Dies ist eine Gruppe, zu der auch Raymond Queneau und George Perec gehörten, und die sich bewußt äußeren Formzwängen unterwarfen, z. B. einen Roman ganz ohne den Buchstaben e schreiben wie George Perec oder Wortanordnungen nach mathematischen Systemen zu schaffen wie Jacques Roubaud. Sie unterwarfen sich bewußt äußeren Formzwängen, um der Gefahr zu entgehen, von eingefahrenen Strukturen der Tradition, von unkontrollierbaren, weil unbewußt mitgeschleppten fremden Zwängen und Formen abhängig zu sein.

Nidden-Grien hat trotzdem recht, wenn er erklärt, daß es für seine Form der literarischen Produktion keine konkreten Vorbilder gibt. Er sagt, er beziehe sich ausschließlich auf Reinhold Engberding, der so Nidden-Grien, in seinen Arbeiten ähnlich allgemein-gültige Prinzipien verfolgt. Tatsächlich hat Nidden-Griens Verfahren einen meiner Ansicht nach ganz neuen, sehr speziellen Effekt, den man gut dann erkennt, wenn man sich die benutzte Technik noch einmal ganz genau ansieht:

Literarische Quadrate entstehen, indem man den Anfangsbuchstaben sowohl waagerecht als auch senkrecht anordnet, also eine Art Wortrahmen bildet. Den Rest des Quadrats füllt man, indem man das Wort verschiebt, ohne die Reihenfolge der Buchstaben zu ändern:

                                    R  U  H  E

                                    U  H  E  R

                                    H  E  R  U

                                    E  R  U  H

Es ist also nicht so, daß man ausgehend von dem Wort sich in der Weite freier Assoziation verliert, sondern man blickt in das Wort hinein. Es ist als würde man das Quadrat durch ein Vergrößerungsglas sehen. Jedes gestempelte Wort ist eigentlich die Feinstruktur eines Buchstaben. Andersherum: Jedes Element, jeder Buchstabe enthält einen verborgenen Mikrokosmos. Das Literarische Quadrat bewegt sich also in die Tiefe, die Abgründe des Wortes – hier liegt auch, man verzeihe mir den Sparwitz, der Unterschied zum literarischen Quartett, das sich vor allem der Oberfläche hingibt.

Doch ganz im Ernst scheint mir der analytische Blick für die Verfahrensweise Nidden-Griens und auch für die Engberdings etwas ganz Entscheidendes zu sein. Wichtig ist dabei auch folgendes: In der Vergrößerungstechnik gewinnt das Innenleben des Wortes etwas Plastisches, etwas – und das hängt natürlich auch mit dem körperlichen Vokabular zusammen – etwas Organisches. Aus dem Inneren der Worte erwächst eine faßbare und subversive Körperlichkeit. Als sähe man durch ein Mikroskop!

In diesen Zusammenhang gehört auch das Glossar, das Nidden-Grien angefertigt hat, und in dem zahlreiche der verwendeten Wörter erklärt werden, auch hier wie unter einem Mikroskop zerlegt und bis in seine historischen Tiefen ausgeleuchtet.

Ganz dicht ist der Buchstabenrahmen dennoch nicht, denn es gibt unzählige Korrespondenzen oder Correspondentiae zwischen den Gedichten. Ein solcher Austausch wird gefördert durch die Stempeltechnik, die sowohl die Ungebundenheit und Beweglichkeit der Buchstaben als auch andererseits den beschriebenen materiell stofflichen Charakter unterstreicht.

Daß Nidden-Griens Wortrahmen alles andere als hermetisch geschlossen sind, gilt auch für Engberdings Goldrahmen – denn wie anders ist es sonst zu erklären, daß die erwarteten Zeichnungen sich davongestohlen haben und sich nun allesamt im Galerie-Eingang wiederfinden. Die Rahmen wirken nunmehr wie Spiegel, wie getrübte Spiegel, in denen sich einerseits die Gedichte wiederfinden und gegenseitig reflektieren und andererseits auch noch die Zeichnungen ihre Spuren hinterlassen und mit den Buchstaben in eine undurchschaubare, für das bloße Auge nur als einheitliche, weiße Fläche erkennbare Korrespondenz treten.

Durchlässigkeit der Grenzen und Flächen ist auch das zentrale Thema in Engberdings und Nidden-Griens erster gemeinschaftlichen Veröffentlichung, OPÜ (auditeur public), ihrem Beitrag zu einem Wettbewerb „verbotene Städte“.

In diesem Zusammenhang ist auch interessant, daß Engberding in mühevoller Kleinarbeit große Textil-Skulpturen aus schwarzem Baumwollgarn häkelt, die mit der Durchlässigkeit des Lichts spielen, und gleichzeitig auch seine Faszination für die Feinstruktur von Materialien belegen, die Masche wie ein chemisches Element mit freien Bindungen.

Generell läßt sich zu den Arbeiten Engberdings sagen, daß sich in ihnen der analytische Blick in den Mikrokosmos der Dinge wiederfindet. Die organisch-obszönen wuchernden Finger, die auf den Zeichnungen zu sehen sind, und die sich in zahlreichen Arbeiten Engberdings wiederfinden, diese Finger lassen an den Blick durch ein Vergrößerungsglas denken oder vielleicht besser ein Kaleidoskop: denn diese Formen präsentieren sich in zahllosen Spielarten.

Ähnliches gilt auch für die ineinander gewobenen Köpfe, die die andere Hälfte der Zeichnungen ausmachen. Im erwähnten Katalog „a man droo the feers“, in dem auch Häkel-Skulpturen und Tonfinger abgebildet sind, finden sich auch zahlreiche Fotografien, die den Kunstheiligen Bartole St. Strip zeigen und die wirken wie ein enorm vergrößertes Insekt – wieder der Blick in die Mikrostruktur. Außerdem sind die Fotos zerteilt, und so findet sich hier Nidden-Griens Anagramm-Verfahren wieder, denn auch die Fototeile wirken wie durchgeschüttelt, und auch der Titel entpuppt sich als ein Anagramm:

Bartole St. Strip – Selbstportrait.

Um Selbstportraits handelt es sich auch bei den hier ausgestellten Zeichnungen. Verschiedene Schichten des Ich trennen und verbinden sich, treten zueinander in Korrespondenz, so auch die beiden Köpfe auf der Einladungskarte, ein Selbstportrait in junger, anarchischer Blüte, eines als abgeklärter Greis, ein Vertreter der alten Anständigkeit?, sei mit Gruß an die Galeristen vermerkt – Correspondentia.

Und überhaupt gibt es bei genauem Lesen und Betrachten so manches Verborgene zu entdecken, so manches Geheimnis zu lüften. „Einen ungeklärten Satz kann man nicht verlieren“, so ein von Nidden-Grien verfochtener Leitsatz. Es lohnt sich also in Korrespondenz zu treten – Viel Spaß dabei!“

 

 


the following text is the openeing speech to the second joint action of Engberding and Nidden-Grien,

CORRESPONDENTIA #2 - inside it´s calm and warm, 2002  trottoir, Hamburg

sorry, only in German:

 

Ursula Meyer-Rogge, freie Autorin, Hamburg zur Eröffnung der Ausstellung Correspondentia # 2 - inside it´s calm and warm von Reinhold Engberding / Holger B. Nidden-Grien, im „trottoir“, Hamburg, 06. September 2002

Um was es hier, in dieser kleinen Ausstellung geht, ich glaube, das sieht man sofort. Es handelt sich um ein Urstromtal und einen Urwald, also um etwas sehr Ursprüngliches.

Vielleicht, wird man einwenden, ist ein Urstromtal nicht so sorgfältig gekämmt und ein Urwald, im Gegenteil nicht so zerzaust. - Aber wer weiß das wirklich schon so genau.

Auf der Einladungskarte, und das ist das dritte Bild, ist Platons Höhle zu sehen. Sie wissen, in Platons Höhle sitzt der Urmensch mit dem Rücken zum Ausgang und betrachtet auf der gegenüberliegenden Wand seltsame Schatten, die er für die Welt hält. Es sind die Schatten der Welt, die ihm da vom Eingang oder Ausgang der Höhle hinprojeziert werden. Modern gesagt ist das ein Mensch vor dem Fernseher.

Raffinierterweise sagt oder zeigt der Künstler nicht, um was es sich bei dem kreisrunden Bildchen handelt. Ist es das Gewölk, das der Urbewohner durch den Höhlenausgang sieht oder bloß sein Abbild auf der Höhlenleinwand.

Für Platon fängt da die Katastrophe an. Erst Bild, dann Abbild, in logisch natürlicher Reihenfolge, also raus aus der Höhle, sonst hält man Tatort oder Monet für die wahre wirkliche Welt.

Was Platon nicht weiß oder nicht wissen will, dass die Schatten da an der Wand sehr wohl Erscheinungen sein können, dass sie der Einbildungskraft jenes Menschen, der davor sitzt, entspringen können. Ich würde einmal sagen, es handelt sich also nicht um irgendeine Höhle, sondern die Urhöhle der bildenden Kunst.

Insofern ist es klar, um was es Reinhold Engberdings Kunst geht. Es geht um Einbildungskraft und um Ursprünge oder doch alles, was mit der einfachen Vorsilbe Ur zusammenhängt. Wenn man im Brockhaus nachschlägt, findet man erstaunliche Urbegriffe, vom Urflosser zur Urgestalt zum Urheber zur Ursache bis zu Urworten. Alles ist seltsam und erstaunlich und bringt einen zum Ursprung zurück.

Genaueres darüber kann man nicht sagen, es wird viel gerätselt. Der Künstler wünscht, dass es da warm und still sei, oder vielmehr sein zweites Künstler-Ich. Er hat mit Recht, das Redende, abgespalten vom Schweigenden. Es befindet sich, das Redende, wie ein Außenmensch vor der Höhle, in dem der Innenmensch verborgen ist und sich nicht bewegt.

Die Korrespondenz zwischen den beiden geht, und das ist einleuchtend, über die kleine Höhlenöffnung. Das ist das Guckloch oder die Membran, auf den Körper und seine Sinne übertragen. Der Körper schweigt. Er sagt nichts darüber, was er an Bildern oder Schatten von der Außenwelt ins Innere projiziert bekommt. Die Sinne teilen ihm das zwar dauernd mit, doch er kann nicht antworten, denn es fehlt ihm dafür die Sprache. Dafür braucht er den zweiten Künstler, wenn ihm Platon nicht genügt. Und ich werde es gleich sagen, Platon hat nicht den richtigen Code. Man kann das damit entschuldigen, dass er kein Künstler, sondern ein Philosoph war. Er hatte nur eine beschränkte Einbildungskraft.

Für den Künstler fängt da erst alles an. Da wird der Urwald rosa und das Urstromtal grünt. Es ist das natürlichste auf der Welt, wenn man bedenkt, was ein Ursprung ist. Nämlich da, und das ist das Einfachste auf der Welt, wo man selbst ist. Bedenken Sie dabei bitte, dass jeder von Ihnen sich auf Luzy zurückführen lässt. Das ist ein ziemlich langer Weg, der am Ende, wenn er aus dem Dunkel endlich ans Licht kommt, plötzlich farbig wird. Um das Leuchten herum bleibt allerdings viel Dunkles. Das Versteck oder Geheimnis, die stille unendliche Zeit, die einen wie ein Schatten begleitet. Man könnte auch sagen, die Unterkunft, eine kleine Behausung für die Sinne, die sieben oder acht. Denn es gibt ein paar sinne mehr, als öffentlich zugegeben werden kann, weil das Unannehmlichkeiten bereiten könnte wegen der einmal festgelegten Zahl. Es wäre grenzüberschreitend, und so was braucht immer noch den Nachweis von Legitimität, und wer kann schon sicher nachweisen, woher er acht Sinne hat, also mehr als erlaubt.

Der Künstler schweigt. Aber das Sprach-Ich gibt sich damit nicht zufrieden. Es fordert sehr eindringlich, dass diese stummen Sinne geweckt werden und zwar mit allen Mitteln, wenn nicht mit Gewalt. Es ist ganz klar, dass das Wecken von Sinnen nicht bloß sanft geschehen kann, sie sind zu verborgen, sie hausen in ziemlichen Tiefen auch, sie fürchten sich vor dem Tageslicht. Also muss ein gewisser Druck ausgeübt werden, damit dieser schweigende Innenkünstler mit all seinen Sinnen dann da ist. Damit er geheilt werden kann.

Dann ist es ein verletzliches Wesen, wer mit so vielen Sinnen ausgestattet ist. Ein Künstler zumal. Er braucht die Höhle, und jetzt könnte ich nachweisen, dass es die Höhle in schönen geheimnisvollen Varianten in der Arbeit des Künstlers gibt. Aber Sie sehen jetzt nichts davon, und darum sage ich nur, dass sie aus den verschiedensten Stoffen gemacht und irritierend für die sind, die ihre Sinne glaubten verloren zu haben, und nun erfahren sie, dass sie reicher sind als sie angenommen hatten.

Und wenn es dann insgesamt nur fünf sind. Das macht nichts. Es sollten aber irgendwie Sinne sein, die noch eine kleine Verbindung zum Ur haben, die winzige Nabelschnur wenigstens. Sie wird behütet werden, gebettet in einen Urwald oder ein Urstromtal und das ist nicht wenig.

Die Stimme berichtet auch über Gefahren, die drohen und die soweit gar nicht entfernt sind, sondern manchmal und meistens ganz nah. Aber dann sagt die Stimme,

and now you

my truely friend – you

want to be a miracle

a warm-inside and slippery

redundant goddess-teddy

Das ist Tröstung.

Nichts ist verloren. Der Blick aus der Höhle beweist, dass der Himmel sehr hoch und weit und auch zur Hälfte schon dunkel bewölkt ist, ob nun Abbild oder Realität, das spielt keine Rolle, wenn er nur dann da ist.