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survey, 17.09.2014 Different Media Different Dimensions © reinhold engberding
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survey, 17.09.2014 Different Media Different Dimensions © reinhold engberding
short_hand_made
Curated by: Reinhold Engberding

Grindelallee 117
D- 20146 Hamburg
Germany
September 6th, 2014 - September 19th, 2014
ARTISTS

QUICK FACTS
COUNTRY:  
Germany
TAGS:  
painting, drawing, sculpture, mixed-media, conceptual

DESCRIPTION
 
 
short_hand_made   -   an exhibition organized by Reinhold Engberding and Holger B. Nidden-Grien to mark Engberding´s 60th birthday - but this was just the occasion, neither title nor content.
 
More than a hundred artists from many corners of the world have sent their contributions made on or with sheets of short hand exercise paper, which has been sent to them in advance.
 
Opening speech: Dr. Arie Hartog, Director of the Gerhard-Marcks-Haus in Bremen.
 
In terms of age as well as level of career there are artists very young and at the beginning of their career like Gavin Rouille from the US and Martin Chramosta from Switzerland, but also artists which were already represented on the documenta in Kassel or the Venice Biennal like Mariella Mosler from Hamburg, Araya Rasdjarmerearnsook from Thailand, Dorothee von Windheim from Cologne and Georges Adeagbo from Benin.
 
 

the following openeing address only in German:
 
Dr. Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen zur Eröffnunhg der Ausstellung, September 2014
 

Meine Damen und Herren,

im Nachlass meiner Mutter befindet sich einiges an Steno. Sie hat das erste Buch meines Vaters in den frühen 1960er Jahren getypt. Bevor die Kinder kamen, diktierte mein Vater seine Texte. Später musste er sie selbst in Schönschrift schreiben und ließ sie von einer Sekretärin (nicht mehr meine Mutter) ausarbeiten. Die Manuskripte gibt es auch, aber sie sind natürlich nicht so spannend, wie die Stenografie. Meine Mutter schrieb irgendein österreichisch-habsburgisches Steno und mein niederländischer Vater konnte es lesen. Er selbst konnte ein anderes Steno und er hat mir mal erzählt, dass die beiden die Manuskripte (und das Steno) nicht nur für die Geschichte des Westfeldzugs, sondern auch für Botschaften und für Einkaufszettel benutzten. Zwischen den unleserlichen Zeichen meiner Mutter stehen Zeichen einer anderen Handschrift und ich nehme an, dass da manchmal „ich liebe Dich“ steht, weiß es aber nicht. Oder besser, ich bin mir sicher, kann und will es aber nicht beweisen. Es gibt unverständliche Zeichen auf Papier, Hinweise auf eine oder zwei Handschriften, ein dokumentierter Anlass und ein Betrachter, der darin etwas sieht, etwas sehen will. Fürwahr eine sehr schöne Metapher für die Kunst, die ich Ihnen hier am Samstag nicht verschweigen wollte.

Als ich am letzten Donnerstag hier mit Reinhold Engberding über die Ausstellung sprach, gab es eine fast persönliche Frage, die ich mir überlegt hatte, nicht aber gestellt: Warum dieses Material, diese Übungsbögen für Stenographie? Denn das war ja das Konzept. Jeder eingeladene Künstler bekam vier Bögen alten Übungspapiers für Stenografie und dann wurde gewartet. Eingeladen waren Künstlerfreunde und -kollegen, und so zeigt diese Ausstellung so etwas wie ein Netzwerk um Reinhold Engberding. Künstler, mit denen er durch irgendeine Form der Wertschätzung verbunden ist. Das zweite Element, um das die Ausstellung kreist, ist dieses Übungspapier mit seinen besonderen Linien. Und während das eine im Hintergrund eine Rolle spielt und immer dann zum Vorschein geholt wird, wenn gefragt wird, was diese so unterschiedlichen Künstler mit einander zu tun haben, spielt das andere vordergründig eine Rolle. So vordergründig, dass man bei manchen Arbeiten das Material sucht.

Das gleiche Konzept hätte auch mit einem anderen A4 funktioniert, sagt dann der Kunsthistoriker, der die Kataloge der Mailart und ihre Geschichte seit den 1970er-Jahren kennt, aber dieses Material besitzt zwei wichtige Qualitäten. Erstens eine in die Kulturgeschichte hinein weisende Fremdheit. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele es nicht als solches erkennen, wohl aber dass es etwas mit Schrift zu tun haben mag. Wer es identifiziert hat, findet eine inhaltliche Bedeutung, die auf die Künstler Reinhold Engberding und Holger B. Nidden-Grien verweist, auf etwas, was wir zwischen Zeichen und Schrift verorten. Und zweitens eine ganz bestimmte Haptik, denn Schnellschreiben, so schnell wie der Chef spricht, dafür braucht man Papier über das man mit dem Stift fliegen kann und dann doch nicht ausrutscht.

Das Material besitzt somit eine sentimentale, leicht melancholische Qualität. Dieser sentimentale Ausgangspunkt wird noch verstärkt durch den Hinweis, dass Stenografie heute auf dem Weg ist, eine ausgestorbene Kulturtechnik zu werden. Aber dieses Material ist nicht obsolet, sondern wird hier im Sinne seiner Urfunktion zwischen Schreiben und Zeichnen benutzt. Ich persönlich finde gar, dass Tempo – oder besser unterschiedliche Tempi, zum Thema dieser Ausstellung geworden sind. Ich denke da an die neue Sekretärin aus dem alten Witz, die, beim Diktat vom Chef gefragt, ob sie stenografieren könne, antwortet, ja, aber es geht natürlich etwas langsamer.

Wie verhalten sich diese beiden Kulturtechniken Zeichnung und Schrift? Gemeinhin wird angenommen, dass sie sich nacheinander entwickelt haben; dass sie quasi evolutionär miteinander verbunden sind. Was heute eine Parallele darin hätte, dass Holger B. Nidden-Grien später geboren wurde als Reinhold Engberding. Es könnte aber auch sein – andere Theorie –, dass es beides bloße Referenzsysteme sind, die jeweils einen anderen Radius besitzen. Dass also mehr Menschen einen Eingang über die Buchstaben und Wörter von Holger B. Nidden-Grien bekommen als über Engberdings Gebrauch von Schellack oder seine an anderen Orten vorgeführte Vorliebe für gebrauchte Kleider oder der evolutionär wohl vor der Zeichnung zu verortenden Technik des Häkelns.

Wichtig scheint mir vor allem zu sein, dass es beides Kulturtechniken sind, die auf einen Menschen verweisen. Es ist die Ursituation der Kunst, dass etwas einem Menschen zuallererst zeigt, dass es von einem anderen Menschen gemacht wurde. Und dann gibt es von beiden Seiten Druck. Der Betrachter will verstehen und das Objekt erweist sich als mehr. Die beiden schaukeln sich hoch und voilà, schon sind wir in der Kulturtheorie des 21. Jahrhunderts, womit sich der berühmte Spruch von Egon Friedell aus seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ bestätigt, dass erst die Fachleute komplizieren, was in Wirklichkeit ganz einfach ist.

Man kann (mit George Steiner) den Anfang der Moderne mit einem Satz des französischen Dichters Stéphane Mallarmé datieren, als er sagte, dass das Wort „Rose“ nichts anderes bedeute als die vollkommene Abwesenheit des so bezeichneten Gegenstands. Das Wort duftet nicht und man kann sich nicht daran verletzen. Das gleiche gilt für jedes Bild. Damit ist die direkte Verbindung zwischen dem Dargestellten und der Darstellung durchbrochen, nicht aber die Verbindung zwischen Darstellung und demjenigen, der Rose sagt oder zeichnet und der nun nicht mehr der wirklichen Rose unterworfen ist. Dieser zweite Teil wird oft vergessen, aber mit der Moderne wird Ausdruck möglich - und bleibt es so lange wie Kunstwerk und Künstler direkt mit einander verbunden sind. Der Autor, der sich verabschiedet, hat keinen Teil mehr am Staunen, das am Anfang der Kunst steht. In dieser Ausstellung – sagen wir es so platt – geht es um Handschrift.

Aber zurück zum Anfang: Es sollte eine Ausstellung zum 60. Geburtstag mit ca. 30 Leuten werden, woraus dann 130 wurden. Dann gab es ein Zeitfenster, wo dieser Raum bespielt werden konnte – einige Monate nach dem Geburtstag und dazwischen – im Hochsommer – Weihnachten. Die meisten Beiträge kamen per Post und keineswegs gleichzeitig, und so gab es jedes Mal eine Überraschung. So ließe sich behaupten, dass Vertrauen, Warten und Geduld das kuratorische Prinzip der Ausstellung bilden, in Kombination mit einer einfachen konzeptionellen Überlegung. Das ist, so denke ich auch typisch für den Künstler Reinhold Engberding, bei dem klare konzeptionelle Überlegungen am Anfang stehen, die dann umgesetzt werden. Um am Ende sieht man nicht mehr das Konzept, sondern es scheint diese Klarheit durch.

Wer Engberding kennt, sieht interessante, zum Teil unerwartete Verbindungen. Dass er diesen oder jenen Künstler aus Hamburg kennt und schätzt zum Beispiel, woraus sich dann natürlich sofort die Frage entwickelt, ob dieser oder jener auch zum illustren Kreis gehört – und warum nicht – womit Sie für heute abend genug Gesprächsstoff haben sollten. Aber nehmen sie gerade das nicht all zu wichtig. Am Anfang wies ich kurz daraufhin, dass Reinhold Engerding als das verbindende Element im Zentrum eines imaginären Netzwerks vor allem dann zum Vorschein tritt, wenn andere verbindende Elemente fehlen, wenn also gefragt wird, was das soll. Ob das nicht alles disparat sei. Aber genau das muss man umkehren: In dieser Ausstellung mit dem einfachen Konzept und der fehlenden Hierarchie geht es um etwas, wovon Ausstellungen heute nur noch wenig handeln: Von Respekt vor Künstlern und was sie tun. In ihrer ganzen Vielfalt. Denn die beiden Ausgangsprinzipien, der Künstler und das bestimmte Papier, sind kein Ordnungsprinzip, sondern eine Folie, vor der sich Sprachen entfalten können. Dabei gilt es auch hier im Sinne der klassischen Theorie (also Goethe) Stoff, Gehalt und Form zu entdecken. Stoff (Inhalt) als das, was jeder sieht, Gehalt als das, was nur die sehen, die etwas hineinlegen, und Form als das, wie es so schön heißt, „Geheimnis für die Meisten“. Denn bei aller konzeptuellen Liebe, Engberdings Werk handelt immer von der Form.

Lieber Reinhold Engberding, ich gratuliere zu dieser Ausstellung, in der wesentliche Elemente Deiner Kunst versteckt sind, vor allem aber Deine Neugier und ein großer Respekt, vor dem, was andere Künstler tun. Solche, nennen wir es "neidlose Ausstellungen" sind relativ selten. Ein Künstler, der nicht als Kurator auftreten will, sondern als zwei unter 130 und der zum Glück keine 130 Kunsthistoriker kennt.

Meine Damen und Herren, es gibt ein vielseitiges Angebot, nutzen sie es und machen Sie sich keine Gedanken übers Konzep,t sondern schauen sie, was daraus geworden ist: Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. 

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