Bigindicator

Stine Eriksen. Unbefugt / Desautorizado

Event  |  Reviews  |  Comments
20110212044218-untitled-2
Choreografie #1, 2010 1 Channel Video, 16:9, 7:08 Min., Colour, Sound Installation Dimensions Variable © and courtesy the artist
20101130070055-stine_eriksen_choreo1
Choreografie #1, 2010 1 Channel Video, 16:9, 7:08 Min., Colour, Sound Installation Dimensions Variable © and courtesy the artist
20101130070401-stine_eriksen_choreo2
Choreografie #1, 2010 1 Channelvideo, 16:9, 7:08 Min., Colour, Sound Installation Dimensions Variable © and courtesy the artist
20101130070001-stine_eriksen_otkell
Untitled, 2009 Colour Photograph (Digital Print) Approx. 190 X 145 Cm © and courtesy the artist
20110915021831-dsc_0843_-_copy_kopiek
20110915021859-dsc_0806_-_copy_kopiek
20110915021931-dsc_0855_kopiek
Stine Eriksen. Unbefugt / Desautorizado
Curated by: Peer Golo Willi

Sophie-Gips-Höfe
Sophienstraße 21
10178 Berlin
Germany
February 10th, 2011 - February 20th, 2011
Opening: February 10th, 2011 6:00 PM - 10:00 PM

QUICK FACTS
WEBSITE:  
http://www.souterrain-berlin.de
NEIGHBORHOOD:  
mitte
EMAIL:  
info@souterrain-berlin.de
OPEN HOURS:  
Thu-Sun 3-6 pm, and by appointment
TAGS:  
photography, installation, video-art, performance
COST:  
Admission free

DESCRIPTION

STINE ERIKSEN
UNBEFUGT · DESAUTORIZADO

Ausstellung vom 11.–20. Februar 2011
Kuratiert von Peer Golo Willi

Eröffnung am 10. Februar 2011 um 18 Uhr
Performance mit Kristina Burgstaller und Diego Roig Monllor ab 19 Uhr
Konzert mit Chiara Picotto (Gesang) und Arturo Martínez Steele ab 20 Uhr

 

Die herausragende Bedeutung, die das Entstehen zahlreicher Industrieanlagen für die gesellschaftliche Entwicklung im 19. Jahrhundert darstellten, ist eine Bedeutung, die seither zunehmend verschwand. Und die Symbolik, die sich mit den einstigen Errungenschaften verband, versprach Aufbruch, Unabhängigkeit und Wohlstand, und letztlich steht sie auch für das Scheitern dieses Versprechens.

Stine Eriksen hat verlassene Fabrikhallen in Berlin und im Osten Deutschlands fotografiert. Auch hier sind zunächst der Verfall und die Relikte einstiger Industrialisierung das augenfälligste Thema. Doch es ist auch die Leere, der Verlust eigentlicher Zweckbestimmung, von der die Künstlerin eindrucksvoll zu erzählen versteht, die Abwesenheit der Menschen, die hier über mehrere Generationen hinweg Arbeit fanden.

Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Orte scheint verloren, gleichwohl kann sich der Betrachter dem Reiz dieser Ästhetik des Niedergangs, der melancholischen Schönheit des Verfalls kaum einziehen. Diese Ästhetik hat freilich auch die reine Dokumentationsfotografie schon evozieren können, doch dass bei Eriksen darüber hinaus der Mensch und das, was den Menschen ausmacht, im Vordergrund stehen, wird in ihrem jüngsten Videowerk Choreografie #1 (2010) deutlich.

Schon während der langsamen Kamerafahrt über zwei Etagen eines verlassenen Fabrikgebäudes wird der Betrachter Zeuge eines lautlosen Dialoges, einzig durch Untertitelung. Beide Sprecher scheinen ,aneinander vorbei zu reden‘: Es geht um das Einander-Zuhören, um das Da-Sein, um Zeit und Erinnerung, um Fühlen, Reden und Schweigen. „Wörter existieren, weil wir sie aussprechen“ heißt es dort, und dies benennt die Grenzen jeder Sprache und die Eingrenzung jeder Kommunikation. Die Entgegnung „Wir werden von ihnen gesagt“ verweist auf die existenzielle Ebene, die diese Eingrenzung berührt. Weil bereits Gedanken in Sprache formuliert werden, sind sie einem Raster unterworfen, in das sich Empfindungen einzufügen haben und dadurch im möglichen Ausdruck eingegrenzt bleiben. Der Dialog läuft, wie das Video, als Endlosschleife und schafft so das Bild eines steten Sich-Näherns und Einander-Entfernens. Der Betrachter jedoch bleibt draußen, in scheinbar unüberwindlicher Distanz. Die Dimensionen, die in Choreografie #1 miteinander verknüpft werden, die sprachliche und die räumliche, erweitern sich, gerade auch im Blick auf die Fotoinstallation in der Ausstellung, um die zeitliche, die existenzielle Dimension.

Der Untertitel der Ausstellung, „Desautorizado“ (zeitgleich ist eine Variante dieser Ausstellung in Curitiba/Brasilien zu sehen), ist nicht nur die portugiesische Übersetzung des Begriffs „unbefugt“, sondern beschreibt auch den Verlust und den Wandel von Wertigkeit und Sinn. Zum einen geht es hier um die Funktion und die zeitliche Realität wirtschaftlichen Fortschritts, zum anderen aber eben auch um die Funktion der Sprache, um die Sprache, die sich immerzu weiterentwickelt, immer jedoch nur begrenzte Annäherung bleibt. Stine Eriksen thematisiert in ihren Werken eine Skepsis gegenüber jenen Versprechen, ob gesellschaftlich oder zwischenmenschlich, die uneinlösbar bleiben.

Peer Golo Willi

 

Parallel zu der Ausstellung im SOUTERRAIN zeigt das Museu da Fotografia, Ciudad de Curitiba, Paraná, Brasilien, 
Stine Eriksen · Desautorizado, kuratiert von Peer Golo Willi, bis 20. Februar 2011

Stine Eriksen wurde 1980 in Kopenhagen geboren. Sie lebt und arbeitet in Buenos Aires und Berlin.