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Galerie Von Bartha Garage

Exhibition Detail
The Great and Secret Show
Kannenfeldplatz 6
4056 Basel
Switzerland


September 1st, 2012 - November 10th, 2012
 
Christian Andersson working on his installation White Van outside his studio in Malmö ,
Christian Andersson working on his installation White Van outside his studio in Malmö

© Courtesy of Galerie Von Bartha Garage
> QUICK FACTS
WEBSITE:  
http://www.vonbartha.com
COUNTRY:  
Switzerland
EMAIL:  
stefan@vonbartha.com
PHONE:  
+41 61 322 10 00
OPEN HOURS:  
Tue - Fri 2-7pm, Sat 11am-5pm
TAGS:  
installation
> DESCRIPTION

Christian Andersson inszeniert in seiner Ausstellung eine Art Spiegelkabinett des Kunstmarktes voller Anspielungen und Seitenblicke auf den Diskurs zwischen Ratio und Romantik.

Das Versprechen der Schönheit sei das Versprechen des Glücks. Seinen zeitlosen Wahrheitsgehalt entfaltet dieser Satz von Stendhal in geschmackvoll eingerichteten Zimmern, liebevoll gepflegten Gärten oder apart gestalteten Lounges, an Orten, die einen mit -soviel Schönheit umgeben, dass es -einem wohl sein muss. Denn bedeutet Räume gestalten nicht, das Glück -einfangen zu wollen? So gesehen wohnt Architektur und Design eine magische Komponente inne.
Dies gilt, so widersprüchlich es -erscheinen mag, auch für die klaren Formen, die seit Beginn der Moderne Lebens- und Denkräume prägen, und die nicht nur von einer kühnen und kühlen Eleganz künden, sondern auch vom Stolz auf technische Neuerungen und wissenschaftlichen Fortschritt, von Tempo, Effizienz und Rationalität. Die Welt, aus dem Freischwinger betrachtet ist eine andere, als jene, der man aus dem Plüschsessel heraus gemütlich zublinzelt. Die Architektur Ludwig Mies van der Rohes vermittle mit ihrer formalen Strenge «das trügerische, doch für viele Menschen angenehme Gefühl, alles sei unter Kontrolle», sagt der schwedische Künstler Christian Andersson, der sich intensiv mit dem deutsch-amerikanischen -Architekten beschäftigt hat.
Mit seiner auf das Wesentliche reduzierten Baukunst wurde Ludwig Mies van der Rohe zu einem wegweisenden Formgeber der Moderne. Berühmt wurde vor allem sein so genannter Barcelona-Pavillon, der 1929 für die Weltausstellung in Barcelona entstand. 1930 wieder abgerissen, existierte das zweckfreie Gebäude lange Zeit nur in wenigen schwarz-weissen Fotografien sowie als Idee einer idealen Architektur. 1986 wurde der -Pavillon erneut aufgebaut, als Kopie, die oft mit dem Original gleichgesetzt wird.
Die ikonische Aura des Pavillons und der ahistorisch-historische -Charakter seines Nachbaus reizen -Christian Andersson, sich in seiner künstlerischen Arbeit wiederholt mit Mies van der Rohe auseinanderzusetzen und in den klaren Linie des Barcelona-Pavillons dunkle Strömungen des Unbewussten aufzuspüren. 2009 zeigte in der Arbeit are we not drawn onward, we few, drawn onward to new era fotografische Reproduktionen der Marmor-Wand im Barcelona Pavillon. Die Maserungen im Stein erinnern auf den Fotos an die Muster der Rorschach-Tests. Das psychodiagnostische Testverfahren wurde 1921 von dem Schweizer Psychiater -Hermann Rorschach erfunden. Zeitnah zu Mies van der Rohes Barcelona Pavillon als Huldigung an die kühle Ratio entstand hier der Versuch, in die geheimnisvollen Gefühlswelten des Menschen einzudringen.
In der Installation Angel of the Hearth, 2011, zerlegt Andersson -einen Barcelona Stuhl, von Mies van der Rohe als Ausstattung des Pavillons entworfen, und arrangiert ihn in Form einer Skulptur, die ihn als Sitzmöbel unbenutzbar macht. Die klare Linienführung der Moderne ist noch erkennbar, jedoch gebrochen. Die -Demontage des Design-Sessels erinnert an Barnett Newmans Verdikt, der Impuls moderner Kunst sei es, Schönheit zu zerstören, geht jedoch weit über eine Destruktion als reine Absage und Ablösung hinaus. Der Titel der Arbeit verweist auf den Surrealisten Max Ernst, in dessen gleichnamigem Gemälde aus dem Jahr 1937 ein dunkler Engel über einer metaphorischen Landschaft tanzt. Max Ernsts Bild wird gern als Allegorie auf die heraufziehenden Schrecken von Krieg und Diktatur gelesen, Schrecken die die moderne Ratio nicht hat bannen können.
Indem er Elemente aus Moderne und Surrealismus verbindet, zielt Andersson auf den Kern des grossen, seit Jahrhunderten geführten kulturphilosophischen Diskurses, in dem sich rationale und romantisch-unergründliche Weltsicht gegenüberstehen. Aufklärung und Romantik, Moderne und Surrealismus: Die fortwährende Suchbewegung des Denkens, das abwechselnde Streben nach nüchterner Erkenntnis oder (Wieder-) Verzauberung der Welt erzeugt Bewegungen, die mal das eine, mal das andere Denkmodell höhere Wellen schlagen lassen. Und manchmal fahren die Kontrahenten im steten Kampf zwischen dem Licht der Erkenntnis und dem geheimnisvollen Schatten eine Weile nebeneinander her, wie zwei Züge, die, aus verschiedenen Richtungen kommend, verschiedenen Zielen zustrebend, den gleichen Bahnhof passieren. Andersson erkennt in Moderne und Surrealismus zwei starke Kräfte, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts beide wirksam sind. Doch während die Moderne als eleganter Stil fortlebt und in die Postmoderne mündet, ist Surrealismus zu einer historischen Kunstbewegung geworden.
In der von Bartha Garage dient -Angel of the Hearth als Brücke zwischen Anderssons bisherigem Schaffen und den für die Ausstellung entstandenen Arbeiten. Der Barcelona-Pavillon ist durch diese Skulptur als Idee präsent und verweist darauf, dass auch Ausstellungsräume vor allem repräsentative Funktionen erfüllen. Andersson treibt die Auseinandersetzung mit der Repräsentativität von Kunstorten noch weiter, indem er die gesamte Präsentation als Ausstellung in einer Ausstellung inszeniert. Moderne Klassiker aus der Sammlung der Galerie hängen im Eingangsbereich, zwei schnörkellos-elegante Sideboards spenden das von Andersson bereits erwähnte «Gefühl, alles sei unter Kontrolle“, das gerade an Orten, an denen man sich auf die Unwägbarkeiten der Kunst einlässt, stets willkommen ist. Die Möblierung dient hier nicht nur der lässigen Selbstinszenierung des Kunstortes und der Kunstfreunde, sondern auch als Sockel für kleinere Objekte. Auf jedem der Sideboards liegt eine Hand aus Bronze, jenem klassischen Material der Plastik, das hier zu Bildern von Zeitlichkeit gegossen wurde. Eine der beiden Bronzehände hält eine ein abgebranntes Streichholz, die andere scheint im Begriff, eine Münze zu werfen. Im Kurz Davor und Just Danach begegnen sich Vergangenheit und Zukunft.
Das Zentrum der Schau bildet eine Bühne, auf der sich zwei schlichte Bänke befinden wie sie in Museen vor grossen Meisterwerke bereitstehen. Andersson kombiniert diese Ausstattungsgegenstände zeitgenössischer Ausstellungshäuser und Museen mit Glasglocken, die zwar ebenfalls zum Ausstellungsequipment gehören, jedoch einer vergangenen Zeit entstammen. Unter den Glasglocken stecken Rorschach-Testbilder, die aus einer Zeit stammen, in der Glasglocken in Museen noch üblich waren. Doch unter -Anderssons Glasglocken geraten die Bilder, die das Unterbewusste ansprechen wollen, in Bewegung. Schnell um die eigene Achse rotierend, wirken die Bilder dreidimensional. Ein optischer Trick, der auf den Physiker und Funktechnik-Pionier Nikola Tesla hinweist, der im Alter mit metaphysischen Ideen wie der Energieübertragung von Mensch zu Mensch operierte. In Anderssons Kunst-Kosmos sind die Motive der Rorschach-Text zudem mit dem Barcelona-Pavillon verlinkt, wie bereits erläutert. Die Bühnen-Installation verbindet unterkühltes Salon-Feeling mit Motiven des Unterbewussten und knüpft damit an ältere Arbeiten Anderssons an, markiert dabei aber auch deutlich das Interesse des Künstlers an Ritualen und Inszenierungen des Kunstmarktes, auf dem sich die durch die Kunst repräsentierte Suche nach dem Sinnhaften und Idealen mit finanziellen Transaktionen mischt.
Anderssons Blick auf die Kunstwelt wirkt im letzten Raum leicht ironisch gebrochen. Dort richtet der Künstler eine Art Garage ein. Ein weisser VW-Bus erweckt den Anschein, er habe als Transport-Vehikel für die Werke der Ausstellung gedient. Um den Bus herum finden sich Arbeiten, die aussehen, als seien sie hier zwischengelagert oder als hätten Künstler oder Galerist entschieden, sie nicht in die Ausstellung mit aufzunehmen. Darunter ein kurzes Video, das Christian Anderssons Objekt To R.M. for EVER zeigt, einen sieben Meter hohen Nachbau der Gesteinsformation die in René Magrittes Bild The Art of Conversation zu sehen ist und die im Felskorpus das Wort rêve erkennen lässt. In seiner 2011 geschaffenen dreidimensionalen Umsetzung ermöglicht Christian Anderssein einen Blick auf die Rückseite dieser Traumfelsen. Mit seiner inszenierten Garage schafft er nun so etwas wie einen Blick auf vermeintliche Hinterräume einer Ausstellung.


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