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Berlin

Galerie EIGEN + ART (Berlin)

Exhibition Detail
Solo Exhibition
Auguststrasse 26
D - 10117
Berlin
Germany


May 23rd, 2013 - July 6th, 2013
Opening: 
May 23rd, 2013 5:00 PM - 9:00 PM
 
 ALP 02 (from the series ALPS), Rémy MarkowitschRémy Markowitsch, ALP 02 (from the series ALPS),
2012 , Colorprint, glass, aluminium , 94.5 x 56.7 in
© Courtesy of the artist & Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin
> QUICK FACTS
WEBSITE:  
http://www.eigen-art.com/
NEIGHBORHOOD:  
mitte
EMAIL:  
berlin@eigen-art.com
PHONE:  
+49.30.280 6605
OPEN HOURS:  
Tues-Sat 11-6
TAGS:  
photography
> DESCRIPTION

Rémy Markowitsch visualisiert und realisiert in seiner künstlerischen Arbeit jene starken Bilder, die in unserer Vorstellung aus der Lektüre literarischer Klassiker erwachsen. Dabei bedient sich der Künstler zumeist der Schlüsselszenen und -aspekte der jeweiligen Texte. Nicht nur hält Rémy Markowitsch mit seiner subjektiven Auswahl gleichsam ein Vergrößerungsglas auf ein einzelnes, ganz spezifisches Moment oder Element eines Textes. Er fusioniert dieses darüber hinaus wie in einem surrealistischen cadavre exquis mit einem weiteren Element, das er einer gänzlich anderen Quelle entnimmt und das den Bedeutungsraum des ersteren beträchtlich –besonders in den Bereich des Abgründigen hinein– erweitert. Auch den neuesten Arbeiten liegt ein solches Vorgehen zu Grunde: Im Falle der Objekt-Assemblage „Peterli“ bezieht sich der „Nerf de boeuf“, der Ochsenziemer (der noch im 20. Jahrhundert sowohl in der Tierdressur wie auch als brutale Waffe gegen Menschen eingesetzt wurde), auf eine amüsante, anspielungsreich-erotische Szene in Gustave Flauberts Skandalroman „Madame Bovary“ (1857), der Rémy Markowitsch in den letzten Jahren wiederholt als „Rohstoff“ für bildkünstlerische Werke gedient hat (siehe Ausstellung „Emma’s Gift“, Galerie Eigen+Art, Berlin, 2011). Die zweite belletristische Quelle für „Peterli“ sind die weltberühmten Kinderbücher „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ sowie „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“ der Schweizer Autorin Johanna Spyri – bzw. verweist der Titel von Markowitschs Werk wie auch die Ziegenlederhose auf eine der Hauptfiguren der Heidi-Erzählungen, den „Geißenpeter“ (dt. Ziegenpeter), der durch Heidis Vermittlung und pädagogische Strenge endlich lesen lernt, nämlich: zu den Büchern kommt.

In der zweiten Arbeit, von deren Titel das mehrdeutige Wort “ALP” abgeleitet ist, spielt das Buch gleichfalls eine wesentliche Rolle. „ALPS“ folgt der Struktur nach den großen Bildserien mit Titeln wie „Nach der Natur“ (1991–1998) oder „On Travel: Tristes Tropiques“ (1998–2004), in denen Rémy Markowitsch das Medium Buch und dessen materielle Qualitäten thematisiert, indem er Bildseiten durchleuchtet, also transparent macht, und dadurch neue hybride, vormals gewissermaßen unbewusste Bilder generiert. Im Falle der Schwarzweiß-Bergbilder entstehen mittels dieses Verfahrens verwirrende, „bestürzende“ Ansichten, in der Oben und Unten, Links und Rechts durcheinander geraten – beinahe so, als würde man das Panorama im Sturz vom Gipfel erblicken statt aus der sicheren Position des Bergtouristen. Eingerahmt sind die Bilder in verschiedenste historische Rahmen, denen die Bilddimensionen digital angepasst und die für den neuen Verwendungszweck in einem einheitlichen Farbton lackiert wurden. In „ALPS“ zeichnet sich nicht bloß eine –politisch häufig missbrauchte– „heile Bergwelt“ ab (die Quelle dieser Bilder sind Jahrbücher des Schweizer Alpen-Clubs von 1925 bis 1946, deren Umschläge im selben Ton gehalten sind wie die hier präsentierten Bilderrahmen, welche aus derselben Zeit stammen), sondern ebenso die düstere, bedrohliche Seite des Gebirges. Diese „unheimliche“ Seite der Bergwelt bezieht sich, über die konkrete, physische Bedrohung für Alpinisten hinaus, auf den Umstand, dass just zur Entstehungszeit dieser Jahrbuch-Aufnahmen das Gebirge und die Bezwingung desselben wiederholt in den Dienst einer faschistischen Ideologie gestellt wurden.

Während aus dem beginnenden 19. Jahrhunderts vielfach sentimental aufgeladene Berichte überliefert sind, die nicht zuletzt die Schwäche des Menschen angesichts des Berges reflektieren, sind die Darstellungen des folgenden Jahrhunderts häufig von wissenschaftlichem Impetus, aber insbesondere auch von Wettbewerbsgedanken, Rekordmanie und nationalistischem Gedankengut durchdrungen. In der fünfteiligen Holzfigurengruppe „FALL“ verbindet Rémy Markowitsch zwei spezielle, sehr unterschiedliche historische Ereignisse bzw. Vorlagen: Vier der geschnitzten Gestalten sind in ihrer Körperhaltung den Figuren aus dem monumentalen Bild „Absturz“ des Schweizer Malers Ferdinand Hodler (1853–1918) nachgebildet. Hodler, heute für seine damals revolutionär neuartige Darstellung von Berglandschaften weltberühmt, hat in privatem Auftrag für die Weltausstellung in Antwerpen 1894 zwei hochformatige Dioramen von je 7.25 x 4.35 Meter gestaltet. Die Gemälde zeigten „Aufstieg“ und „Absturz“ –so die Titel– einer Klettermannschaft am Berg, ein drittes geplantes und nie ausgeführtes Gemälde sollte die „Bergung der Leichen“ wiedergeben. Nicht nur war Hodler mit diesem Projekt der erste angesehene Maler, der sich an die Darstellung einer Berg(steiger)tragödie heranwagte, sondern es wird darüber hinaus vermutet, der Künstler habe den dargestellten Alpinisten die Gesichtszüge von zu ihm in Konkurrenz stehenden Malerkollegen verliehen. (Am 6. Juni, 18 Uhr, findet ein Gespräch statt zwischen Rémy Markowitsch und dem Kunsthistoriker Christoph Lichtin, der zu Ferdinand Hodlers Dioramenbildern gearbeitet hat.)

Der fünften Figur in Rémy Markowitschs Ensemble liegt eine gänzlich andere, fotografische Quelle zu Grunde: Die Haltung der Gestalt imitiert ein emblematisches Abbild des an der gefährlichen Eiger-Nordwand bei einer versuchten Erstbesteigung im Jahr 1936 tödlich verunglückten deutschen Bergsteigers Toni Kurz. Die Tragödie um Toni Kurz und Kameraden war besonders brisant, wenn man bedenkt, dass zumindest die zwei österreichischen Mitkletterer Kurz’ Mitglieder der paramilitärischen NSDAP-Kampforganisation SA waren und „großdeutsche“ Erfolge am Berg in den folgenden Jahren immer wieder für nationalsozialistische Propaganda instrumentalisiert wurden. Die „Fusion“ der beiden erwähnten historischen Gegebenheiten realisiert Rémy Markowitsch auf der Basis zweier Bildquellen; die Verfremdung der Gestalten, erreicht durch die Darstellung der skulpierten Figuren als Nackte, erweitert das Assoziationsfeld jedoch über diese Quellen hinaus. Ohne Kleidung, welche die Figuren historisch verorten würde, wirken die Gestalten wie zeitlose Schmerzensmänner.

Zumal im Deutschen und Österreichischen Alpen-Verein dominierten schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Antisemitismus und Antijudaismus. Vor diesem Hintergrund lässt sich eine weitere Arbeit dieser Ausstellung und deren sprechender Titel erhellen: „… hast Du meine Alpen gesehen?“ ist einem überlieferten Ausspruch des Rabbiners Samson Raphael Hirsch (1808–1888), Begründer der jüdischen Neoorthodoxie, entnommen. Das Objekt nimmt natürlich auf den Namen des Rabbiners und die verschiedensten Bedeutungszusammenhänge des Wortes „Hirsch“ Bezug. Die in der Art eines professionellen Tierpräparats mit traditionellen, speckigen bestickten (Hirsch-)Lederhosen verhüllte Gestalt spielt gleichzeitig auf die „Verkitschung“ der Alpen, die diese begleitende Verharmlosung des (historischen) Alpinismus und die Lederhose als modisch-fetischistisches „Must have“ weit über Bayerns Bierwiesn hinaus an, wie auch auf den mit der Bergsteigerei verbundenen Männlichkeitswahn (der Hirsch wirft bekanntlich sein Geweih jeweils nach der Paarungszeit ab) und die erwähnten Verbindungen zu Nationalismus und Militarismus.

Waren es bei „Madame Bovary“ vor allem die diversen Verflechtungen, der soziale „Absturz“ und schließlich der Tod der weiblichen Protagonistin, die das Interesse von Rémy Markowitsch weckten, so sind es in der neuen Gruppe von Werken die Motive des „Absturzes“ am Berg, der Schmerzensmänner (notabene weigerten sich die Mitglieder des Schweizerischen Alpen-Clubs bis in die 1970er-Jahre Frauen aufzunehmen), der Berg-Sucht und -Lust und des exemplarischen, tragischen Scheiterns. Mag Gustave Flaubert auch nüchtern konstatiert haben, die Alpen stünden „in einem Missverhältnis zu unserem Individuum. Zu gross, um nützlich zu sein.“ (Brief an Ivan Turgenew), so lässt sich angesichts der Bildfülle und der komplexen Verflechtungen, für die das „ALP“-Projekt eindrücklicher Beleg ist, doch Folgendes festhalten: Zu gross sind sie bestimmt, die Berge, und zu gross ist die Menge an Bildmaterial, das Zeugnis ablegt von der Faszination und dem Schrecken, welche von den Alpen zu verschiedenen Zeiten ausgegangen sind. Just deshalb aber stellen sie und ihre mediale Vermittlung für kulturhistorische und künstlerische Auseinandersetzungen einen schier unerschöpflichen Quell dar.

Isabel Fluri


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