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Berlin

Aanant & Zoo

Exhibition Detail
From the Age of the Poets
Bülowstrasse 90
10783 Berlin
Germany


September 7th, 2012 - October 20th, 2012
Opening: 
September 7th, 2012 8:00 PM - 10:00 PM
 
,
© Courtesy of Aanant & Zoo
> ARTISTS
> QUICK FACTS
WEBSITE:  
http://www.aanantzoo.com
NEIGHBORHOOD:  
tempelhof-schöneberg
EMAIL:  
contact@aanantzoo.com
PHONE:  
+49 (0)30 81801873
OPEN HOURS:  
WED-SAT 11-6
> DESCRIPTION

„Wenn Sie diese Worte lesen, vollzieht sich in Ihnen eines der Wunder der Natur. Sie und ich gehören nämlich zu einer Spezies mit einer bemerkenswerten Fähigkeit: Wir können im Geist unseres Gegenübers mit höchster Präzision ganz bestimmte Bilder entstehen lassen. (…) Diese Fähigkeit heißt Sprache. Indem wir nichts weiter tun, als mit dem Mund Geräusche zu produzieren, können wir im Gehirn anderer Personen neue und präzise Gedankenkombinationen erzeugen. Diese Fähigkeit kommt uns so selbstverständlich vor, daß wir nur allzuleicht vergessen, welch ein Wunder sie ist.“ (Steven Pinker „Der Sprachinstinkt“)

Das Funktionieren der Sprache, ihre Grenzen und ihre Möglichkeiten beschäftigte vor allem im letzten Jahrhundert Philosophen und Dichter, Dadaisten und Zeichentheoretiker. Diesem Spannungsfeld zwischen dem Wunder der Sprache, der Möglichkeit des Nicht- oder Missverstehens und der Poesie als legitimem Zugang zur Welt, widmet die Galerie Aanant & Zoo die Ausstellung From the Age of the Poets. Fünfundzwanzig bekannte und weniger bekannte Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts erschaffen einen Raum, in dem diese Fragen polarisieren können. Ein zentrales Thema der Ausstellung sind Übersetzungen: Die mögliche Übersetzbarkeit von Sprache zu Sprache, von System zu Sytem, vom Konkreten zum Abstrakten und bisweilen zurück, teilen viele Künstlerinnen und Künstler.

Max Schaffer (*1985) schöpft Papier aus einem trivialen Alltagsgegenstand: Feinsäuberlich teilt und zerschreddert er ein Billyregal, weicht es ein und gewinnt so den Wertstoff Papier. Bücher und ihr Eigenwert, der für viele weit über den eines simplen Gegenstandes reicht, bringen die diesjährige Documenta-Teilnehmerin Simryn Gill (*1959) dazu diese in vollkommen andere Bedeutungsträger zu wandeln: Die Künstlerin fordert Freunde und Bekannte auf, ihr ein Lieblingsdruckwerk (ob Gandhi-Biographie oder Hulk-Comic) zu geben. Aus diesen fertigt sie in präziser Arbeit Halsketten.

Auch Falke Pisano (*1978) transformiert Materialien. In ihren Performances, die auf reinen Sprechakten beruhen, formt sie vielschichtige Skulpturen. Stück für Stück, Wort für Wort kulminieren ihre Aussagen und Sätze zu Linien und Verstrebungen und bilden sogenannte ‚complex objects‘. Eine andere Form der Übersetzung findet in den Pergament Rollen Edwin Moes (*1971) statt. Diese basieren auf dem Gabriel Alphabet, das durch die spontane Zusammenarbeit des Künstlers mit seiner sechsjährigen Nichte entstand. Moes forderte sie auf, das lateinische Alphabet zu kopieren. Noch nicht im Bewusstsein der Bedeutung der einzelnen Buchstaben, malte sie das sechs-jährige Mädchen schlichtweg ab. Durch die malerische Transkription von einem Zeichensystem in ein anderes kreierte sie eine kalligraphisch-ornamentale Geheimsprache.

Anders sind die Übertragungen von Michael Müller (*1970) und Mike Ruiz (*1984) zu verstehen. Die von Müller entwickelte K4-Schrift, an der der Künstler seit über 17 Jahren arbeitet und die mittlerweile aus mehr als 300.000 verschiedenen Symbolen besteht, ist ein stetig fortlaufendes und komplexer werdendes System. In der Ausstellung sind Teile der Transkription eines programmatischen Epos des 20. Jahrhunderts – Robert Musils Mann ohne Eigenschaften – zu sehen. Einen praktisch umgekehrten Weg, nicht der Erhöhung , sondern der Reduktion, hat Mike Ruiz eingeschlagen, indem er den Tractatus logico-philosophicus, eines der zentralen Werke Ludwig Wittgensteins, in Basic English übersetzt. Diese Sprache, dem Esperanto nicht unähnlich, besteht aus insgesamt 850 Wörtern und fußt auf der Behauptung, dass eine so vergleichsweise geringe Anzahl an Wörtern völlig ausreicht, um alle Phänomene der Welt zu beschreiben.

Das Zeichen als pures und eigenständiges Bild ist ein weiterer essenzieller Inhalt der Ausstellung: Jenseits von den grundlegenden Elementen der Lesbarkeit und des Verstehens, reflektieren die Arbeiten Friederike Feldmanns (*1962) und Henri Michauxs (1899 - 1984) den Gestus des Schreibens: Was bleibt, sind Linienführungen und Schriftlandschaften – Schrift in ihrer rein visuellen Ästhetik – oft irritierend nah an der Grenze zur Lesbarkeit. Auf die Struktur von Schriftstücken geht die kolumbianische Künstlerin Johanna Calle (*1965) ein. Indem sie dünne Metallstäbe, einen für jedes Wort, in die Indices von Lexika und Enzyklopädien einflicht, legt sie den Aufbau dieser Ordnungssysteme offen.

Das 20. und junge 21. Jahrhundert haben die Leistungen der Sprache als Medium der Beschreibung und das damit einhergehende Be- und Ergreifen der Welt ins Unüberschaubare getrieben. Ob nun durch Fragmentierung von Sätzen, Transkriptionen zwischen Systemen, ob durch Vereinfachung oder Überhöhung ins (nahezu) Unverständliche. „The Age of the Poets“ vereint bedeutende und vielschichtige Wege, sich den Fragmenten der globalen Welt anzunähern. Sprache zeigt sich dabei an keiner Stelle als überwunden, sondern als unumgängliches, aber dehnbares Medium.


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