STREET now open! Chicago | Los Angeles | Miami | New York | San Francisco | Santa Fe
Amsterdam | Berlin | Brussels | London | Paris | São Paulo | Toronto | China | India | Worldwide
 
Berlin

Nolan Judin

Exhibition Detail
Mortadella & other works
Potsdamer Strasse 83
10785 Berlin
Germany


August 18th, 2012 - October 13th, 2012
Opening: 
August 17th, 2012 6:00 PM - 8:00 PM
 
,
© Courtesy of Nolan Judin
> QUICK FACTS
WEBSITE:  
http://nolan-judin.de/current.html
NEIGHBORHOOD:  
tiergarten
EMAIL:  
info@nolan-judin.com
PHONE:  
+49.30.39 40 48 40
OPEN HOURS:  
Tuesday – Saturday 11.00 – 18.00 or by appointment
TAGS:  
conceptual
> DESCRIPTION

Das in den Jahren 2007 und 2008 ent­standene Werk Mort­adella von Chris­toph Hänsli hat es durch ein vielbeach­te­tes Künstlerbuch und einen Text des Schrift­stel­lers und Kunst­kri­tikers John Ber­ger (Ways of See­ing) in Kunst­krei­sen bereits zu einiger Berühmtheit gebracht. Dass es vier Jahre nach sei­ner Ent­ste­hung nun erstmals öffent­lich aus­ge­stellt wird, hat nicht zuletzt mit sei­nen Dimen­sio­nen zu tun. Es besteht aus 332 einzeln gerahm­ten Gemälden, die in Größe und Tech­nik alle iden­tisch sind: knapp A4, Acryl und Öl auf Papier und Kar­ton. Auch ikono­gra­fisch sind die Gemälde eng ver­wandt, denn dar­ge­stellt sind lebensgroß die 164 Schei­ben und zwei Zipfel einer auf­ge­schnit­te­nen mit­tel­großen Mort­adella-Wurst – und zwar immer beide Sei­ten. Hänsli hat für diese Auf­gabe eine auf­wändige Mal­tech­nik gewählt: Unter der sichtba­ren Ober­flä­che ver­ber­gen sich elf auf­bauende Farb­schich­ten, zuerst einige Lagen Acryl­farbe, gefolgt von einer mehrschich­ti­gen Über­arbei­tung in Öl, ver­sie­gelt mit mehre­ren Lasuren Fir­nis. Auch der weißli­che Hin­tergrund ist sorgfäl­tig an die Schei­ben her­angemalt, damit die Ober­flä­che der gemal­ten Scheibe genau auf der Ebene des Trägerkar­tons erscheint. Insge­samt bean­spruchte die­ser Pro­zess 15 Monate Arbeit.

Der Auf­wand dient aber nicht etwa einer hyper­realis­ti­schen Wiedergabe der Wurst. Bei nähe­rem Hin­schauen ist zu erken­nen, dass Hänsli die eigent­lich kör­nige Struktur der Fleisch­masse durch einen mono­chro­men Farb­auf­trag in Rosa ver­schwinden lässt. Vor einer Farbfel­der-Abs­trak­tion ret­ten nur die fein gemal­ten Pfefferkör­ner – ein schon fast koket­tes Spiel, das der Künstler mit unse­rem Ver­lan­gen nach Gegen­ständlichkeit treibt. Auch wenn zwi­schen den bei­den Sei­ten einer Mort­adella-Scheibe nur 1,5 Mil­lime­ter Fleisch lie­gen, sind die jeweils auf­ein­anderfol­genden Gemälde nicht iden­tisch. Die Größe und Posi­tion der weißen Fettpar­tien und der Pfefferkör­ner ver­ändern sich leicht von Bild zu Bild, und auch das Dazwi­schen­fah­ren der Klinge hat seine Spuren hin­ter­las­sen. Hänsli hat diese fast schmerzlich lang­same Ent­wick­lung für uns in Solo(2007) ver­deut­licht, einem digi­talen „End­los-Daumenkino“. Die Fettpar­tien bewe­gen sich nun mun­ter auf der wachsenden und wieder schrumpfenden Scheibe, als hätte ein Satellit die Bewegun­gen eines Eismee­res festge­hal­ten. Doch das lenkt von den Inten­tio­nen des Künstlers ab. Häns­lis Inter­esse gilt der sta­ti­schen (Ober-)Flä­che und den nahezu unendli­chen Varia­ti­ons­mög­lichkei­ten, sie auf­zu­bauen und zu gestal­ten. In die Ober­flä­chen schrei­ben sich Geschichte, Erin­nerung und Begeh­ren ein, ihre Wiedergabe wird zur Spuren­su­che. Häns­lis Umgang mit Pinsel, Far­ben, Pigmen­ten und Lasuren ist meis­ter­haft, und er findet für jede maleri­sche Her­ausforde­rung eine indi­viduelle Lösung. Seine Bild­ober­flä­chen ver­füh­ren den Betrach­ter, die Gemälde mit den Augen abzu­tas­ten, um Ver­bor­ge­nes auf­zu­spüren.

Der Kon­zeptkünstler Hänsli tritt als Per­son in den Hin­tergrund, er ver­mei­det den persönli­chen Ges­tus. Als Motive wählt er häufig Gegen­stände, die an All­täg­lichkeit kaum zu unterbie­ten sind. Sub­til ver­mit­telt er dem Betrach­ter: Es geht ihm um mehr als eine Schilde­rung von Realitä­ten. In ihrer schnörkel­lo­sen Schön­heit lenken die Bil­der unsere Auf­merk­samkeit auf das, was uns umgibt, und sie erin­nern uns daran, dass wir große Teile unse­res All­tags­lebens un- oder unter­bewusst bewäl­ti­gen. Ent­spre­chend malt Hänsli die dar­ge­stell­ten Objekte fast immer in Lebensgröße, der gewählte Bild­aus­schnitt hat offenbar keine kompo­sitori­sche Bedeu­tung. Die­ser eine Schritt weg von der Künst­lichkeit erleichtert ent­schei­dend die indi­viduelle Erin­nerung und das Wieder­er­ken­nen.

Hänsli sagt über seine Motiv­wahl, ein Gegen­stand, eine Idee zu einem Bild ver­folge ihn so lange, „bis ich es halt mache“. Oft ent­springt diese zwin­gende Notwendigkeit der Erkennt­nis, dass etwas dem Untergang, dem Ver­schwinden geweiht ist. Ob Hänsli einen obsole­ten Licht­schal­ter por­traitiert oder ein ungemach­tes Hotel­bett: Stets beglei­ten ihn die großen The­men der Ver­gänglichkeit und der Abwesen­heit. In keinem sei­ner Bil­der ist je ein Mensch zu sehen, und doch sind die Bil­der stets von unse­rem absurden irdi­schen Dasein durch­drun­gen. Ohne Pathos und ohne Sen­ti­mentalität erzäh­len die Gegen­stände von der Ver­lo­ren­heit des Men­schen in einer Welt, die Ord­nung sugge­riert. Trotz ihrer beste­chenden bildli­chen Prä­senz schaffen es diese moder­nen Vani­tas-Motive, einen Aus­druck von Absenz und Leere zu erzeu­gen, der im Betrach­ter eine Fülle von Asso­zia­tio­nen aus­löst. Auch darin erweist sich Häns­lis Meis­terschaft.

Chris­toph Hänsli wurde 1963 in Zürich geboren und besuchte von 1984–88 die Schule für Gestal­tung in Luzern. An der Uni­ver­sität Zürich ver­tiefte er sich in die Fächer Film­wis­senschaft und Fotografie­ge­schichte. Seit 1997 stellt er seine Werke regelmäßig in Einzel- und Grup­pen­aus­stel­lun­gen aus. Mit John Ber­ger ver­bindet ihn seit 1996 eine Künstlerfreundschaft, die zur gemein­sa­men Publika­tion der Bücher Wet Rocks Seen from Above (1996) und Mort­adella (2008) führte.

Neben Mort­adella sind bei Nolan Judin neun wei­tere Werke von Chris­toph Hänsli zu sehen, ent­standen zwi­schen 1998 und 2012, dar­un­ter das 22 Meter lange Gemälde Fas­sade (bis 13. Oktober).

 


Copyright © 2006-2013 by ArtSlant, Inc. All images and content remain the © of their rightful owners.