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Berlin

Aanant & Zoo

Exhibition Detail
Bothe & Schaffer
Bülowstrasse 90
10783 Berlin
Germany


June 23rd, 2012 - August 4th, 2012
Opening: 
June 23rd, 2012 6:00 PM - 9:00 PM
 
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© Courtesy of Aanant & Zoo
> QUICK FACTS
WEBSITE:  
http://www.aanantzoo.com
NEIGHBORHOOD:  
tempelhof-schöneberg
EMAIL:  
contact@aanantzoo.com
PHONE:  
+49 (0)30 81801873
OPEN HOURS:  
WED-SAT 11-6
> DESCRIPTION

So verschieden die Schwerpunkte der künstlerischen Arbeit von Max Schaffer und Martin Bothe gelagert sind, so treffen sie sich doch immer wieder auf dem gleichen Platz. Er lässt sich Poesie nennen, manche nennen ihn Dichtung. Das Kunstwerk als poetisches Objekt, offen, vielleicht sogar demokratisch, ist ihr Medium.

Die Galerie Aanant & Zoo ist hoch erfreut diese beiden neuen Positionen erstmals zusammen und konzentriert vorzustellen.

Max Schaffer, 1985 in Santiago de Chile geboren und in Bremen aufgewachsen, studierte in Bremen und Wien bei Daniel Richter und Heimo Zobernig. Wie einige Künstler seiner Generation sammelte er früh Erfahrungen im Graffiti. Darauf zurückzuführen sind sein Blick in den öffentlichen Raum, den der Graffitisprüher bekanntlich als gestaltbar wahrnimmt und den Schaffer ebenfalls in den Fokus seiner Arbeit rückt und den er sich zu Nutze macht. Die Texte, die ihren Weg aus der Dose an die Wände finden, sind in seinem Fall politischen oder (kunst)theoretischem Ursprungs. So greift Schaffer bspw. Zitate aus kunstwissenschaftlichen Werken auf, dekontextualisiert diese und übergibt sie der Öffentlichkeit, indem er sie an prominenten Orten im urbanen Raum platziert. Dort müssen sie sich behaupten, dürfen sprechen und verstanden werden.

Theoretisch und auf der Straße geschult, findet sich auch ein fast gegenteiliger Ansatz im Handeln des Künstlers. Dieser besteht darin, Gegenstände, die er im öffentlichen Raum 'findet' und die dort eine gewisse Funktion, ob als Markise, Staubfänger auf Baustellen oder Isolierstoff erfüllen, aus ihrer natürlichen Umgebung in den großen und offenen Raum der Kunst zu transferieren. Diese Objets trouvés sind Zeugen ihrer eigenen Geschichte wie der Staub, reflektieren jedoch im selben Moment auf verblüffende, oftmals ironische Art die großen Themen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die amerikanische Farbfeldmalerei wird ebenso befragt wie die Minimal-Objekte der 60er und 70er Jahre oder der russische Konstruktivismus. Diese Einbettung in gleichsam kunsthistorische Diskurse, als auch die Verschiebung der Perspektive von der Funktion auf die Geschichte und ästhetische Qualität der Objekte sind wichtige Momente in der Arbeit des Künstlers. Dabei unterscheidet er nicht zwischen gefundenen Gegenständen und selbst Hergestellten. In der Arbeit Collection Privée von 2010 finden sich ebenfalls Spuren und Ablagerungen, in diesem Falle jedoch die des Künstlers. Schaffer durchblätterte über Jahre hinweg, bei der Produktion im Atelier, mit vom Arbeiten schmutzigen Fingern, das vormals leere weiße Skizzenbuch. Die Zeit und die geleistete Arbeit, Chimären der anderen in dieser Periode entstandenen Werke, sowie romantische Vorstellungen vom künstlerischen Schaffensprozess in einem Atelier kommen dem Besucher, der dazu angehalten ist, mit Handschuhen beschützt selbst zu blättern, in den Sinn.

In Schaffers Arbeit o.T. (Lüpertz on Picasso), ebenfalls von 2010, wird die Frage nach der Autorenschaft fast schon extremistisch. Möglicherweise am besten als Endprodukt einer Performance zu begreifen, forderte der Künstler seinen Kollegen Markus Lüpertz bei der Eröffnung seiner Retrospektive in der Wiener Albertina auf, die wenige Minuten zuvor aus dem Museumsshop entwendete Karte, die ein Frauenportrait Pablo Picassos zeigt, zu unterschreiben.

Auch in der Arbeit Martin Bothes, der 1980 geboren wurde und an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studierte, spielt die Autorenschaft eine Rolle, ja, sie scheint sich geradezu aufzudrängen. Unzählige Male taucht das Antlitz des Künstlers selbst auf, als ob er - so scheint es auf den ersten Blick - keine Mehrdeutigkeiten zu seiner Person zulassen möchte. Der Germanboy von 2003 - Alter-Ego und Befindlichkeitsstudie in Zeiten der Depression - und die anonymisierten Passbilder der Portrait-Reihe Ohne Titel von 2010 sind hierfür zwei Beispiele. Allerdings wird das Porträt zur Maske. Der Künstler als Individuum (und vielleicht als idealtypisches unternehmerisches Selbst unserer Zeit) und Martin Bothe in seiner Individualität wird zum Pars pro toto (ein Teil [steht] für das Ganze) der Betrachter. Dies geschieht durch eine sachte und zugleich sehr harte, fast verletzliche Form der Poesie, die jedoch nicht das typische egologisch-narzisstische Soll erfüllt – Kunst als Versprechen auf ein intensives Leben usw.- , sondern vielfach gebrochen und reduziert erscheint. Die Einfachheit und Verfügbarkeit der verwendeten Materialien, der Pizzakarton, die simplen Holzböcke, die etwas ramponiert wirkende Leinwand und insbesondere die Aufkleber, die immer wieder bewusst den Namen des Werkes in die Arbeit hineintragen, weisen darauf hin.

Die intensive Beschäftigung mit der eigenen Personen und ihren Spannungen bringen Bothe zu seiner eigentümlichen, elementarisierten Sprache. In den neueren Arbeiten taucht das Portrait nun nicht mehr unmittelbar auf. Der Mensch, mit all seinen Unzulänglichkeiten, Schwächen und tierischen Trieben, aber genauso in seinem Streben nach Transzendenz und dem Dazwischen, steht jedoch nach wie vor im Mittelpunkt: Die Arbeit Ohne Titel („Time / Vergänglichkeit“) von 2011, in der gefundenes und bereits zerschlissenes Bildmaterial zum Kreis geschnitten, mittig auf einem Pizzakarton platziert ist, ist hierfür beispielhaft. Die Interaktion zwischen Text und Bild findet wie gewohnt statt, doch wirkt der Text nicht wie sonst oft rein kommentierend. Er schiebt sich vielmehr auf eine irritierende, fast unheimliche Art und Weise vor das Bild. Die gewählten Worte in all ihrem Pathos und all ihrer Banalität gewinnen in der Kombination miteinander und im Dialog mit dem Material wieder echte Präsenz und lenken den Blick des Betrachters unmittelbar ins eigene Innere. Der Künstler verwendet Sprache nicht nur als Medium um Bedeutung zu erzeugen, sondern führt uns praktisch im gleichen Moment ihre Leere vor. Die Titel vieler Arbeiten – The Meaning of it All / I just can’t stand it anymore - wirken wie Werbeslogans. Kitschig und nicht wirklich ernst zu nehmen. In ihrer Kombination wie auch in der Konfrontation mit den simplen Materialien, die Bothe in seinen Arbeiten verwendet, beginnen sie jedoch wieder zu sprechen und formulieren sich als Bedürfnisse. Vielleicht rührt daher die Schwere, die einen erfasst, wenn man sich auf sie einlässt. So zieht sich durch fast alle in der Ausstellung zu sehenden Arbeiten eine Geschichte von Auf- und Entladung, ein Oszillieren zwischen Sinn, Pathos, Schwäche und hohler Leere, die so manches mal schwer auszuhalten ist.


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