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Berlin

Akademie der Künste - Pariser Platz

Exhibition Detail
Adorno in der Akademie der Künste Vorträge 1957–1966
Pariser Platz 4
10117 Berlin
Germany


January 10th, 2012 - May 6th, 2012
Opening: 
January 10th, 2012 11:00 AM - 8:00 PM
 
Theodor W. Adorno , Theodor W. Adorno
© Courtesy of Akademie der Künste - Pariser Platz
> QUICK FACTS
WEBSITE:  
http://www.adk.de
NEIGHBORHOOD:  
mitte
EMAIL:  
info@adk.de
PHONE:  
030.200 57 – 1000
OPEN HOURS:  
every day 10am-22pm
TAGS:  
letters, Pictures, documents
> DESCRIPTION

Der Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist Theodor W. Adorno (1903–1969) ist vielen durch seine Schriften bekannt. Oft wird vergessen, dass er zu Lebzeiten vor allem mündlich gewirkt hat. Das Rundfunkstudio und der Vortragssaal gehörten zu seinen wichtigsten Wirkungsstätten. Zwischen 1957 und 1966 hat Adorno acht Vorträge in der Akademie der Künste (West) gehalten. Von der Akademie oder anderen Veranstaltern eingeladen, sprach er über Friedrich Hölderlin, Richard Wagner, Arnold Schönberg und andere Themen.

Am 28. Februar 1957 schrieb Adorno an Heinz-Klaus Metzger: „Nächste Woche fahre ich nach Berlin und halte am Mittwoch in der Akademie der Künste einen Vortrag ‚Die Funktion des Kontrapunkts in der neuen Musik‘. Er hängt natürlich mit meinem vorjährigen Kranichsteiner Kurs zusammen, geht aber weit darüber hinaus. Mir selber scheint diese Arbeit, die ich an möglichst sichtbarer Stelle publizieren möchte, eigentlich von allem, was ich je musiktheoretisch geschrieben habe, das erste, womit ich einigermaßen zufrieden sein kann.“ Dieser letzte Satz erstaunt. Wer hätte ihn von dem Autor der „Philosophie der neuen Musik“ erwartet? – „Die Funktion des Kontrapunkts in der neuen Musik“ war der erste in der Reihe von Vorträgen und Diskussionen, zu denen Adorno in den folgenden zehn Jahren in die Akademie kam.

1963 trat Adorno viermal in der Akademie auf. Zunächst sprach er, im Rahmen der „Berliner Begegnungen“, am 21. April über Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ – er deutete die Fragment gebliebene Oper als Zeugnis für die Unmöglichkeit sakraler Kunst heute. Zwei Tage später fand in der Akademie eine Veranstaltung statt, bei der neben Adorno W. H. Auden, Elliot Carter, Frederick Goldbeck, Dragotin Gostuski, Nicolas Nabokov und Josef Rufer über „Moses und Aron“ diskutierten.

Eingeladen von der Hölderlin-Gesellschaft, sprach Adorno am 7. Juni über „Fragen einer philosophischen Interpretation Hölderlins. Weitaus mehr als Interpretation der Gedichte, war es ein Frontalangriff auf die Hölderlin-Deutung von Martin Heidegger. „Es kam mir darüber hinaus darauf an, den Nimbus zu zerstören, der diesen Mann umgibt, und ganz deutlich zu machen, was er geistig ist: ein von maßloser Herrschgier erfüllter banausischer Bauer.“ Dieser Satz – in einem Schreiben an Wilfried Malsch, das im Archiv entdeckt wurde und nun in der Ausstellung zu sehen ist – ist vielleicht die krasseste Äußerung über Heidegger, die es von Adorno gibt.
 
Der Vortrag über „Wagners Aktualität“, gehalten im Rahmen der Berliner Festwochen am 30. September 1963, wurde improvisiert. „Besonders daran gelegen ist mir“, schrieb Adorno an den Veranstalter, „daß der Vortrag wirklich als frei gehaltener angekündigt wird, so daß die Besucher nicht die Verlesung eines durchgeformten Manuskripts sondern etwas Loseres erwarten; das dürfte auch der Wirkung zugute kommen.“ Besucher der Ausstellung können den Vortrag auf sich wirken lassen – fast 50 Jahre später ist er, im Ausschnitt, nun wieder in der Akademie der Künste zu hören. Ein Computer-Terminal steht dafür bereit. Er bietet Material, das die Vitrinenpräsentation ergänzt.

Am 23. Mai 1965 referierte Adorno über „Einige Relationen zwischen Malerei und Musik heute“. Der Vortrag wurde, zusammen mit dem über „Die Kunst und die Künste“, 1967 in den von der Akademie herausgegebenen „Anmerkungen zur Zeit “ gedruckt. In dieser Reihe war 1957 schon Adornos Kontrapunkt-Vortrag im Erstdruck erschienen.

Vom 22. bis 24. Oktober 1965 fand in der Akademie eine Tagung des Deutschen Werkbundes statt. „Im übrigen sehen wir uns auf jeden Fall in Berlin bei der Werkbundtagung“, schrieb Adorno an Ernst Bloch, „daß Du eingeladen wurdest, hatte ich, wie Arndt Dir vielleicht schrieb, veranlaßt; ich freue mich sehr.“  Fotos zeigen Adorno mit Bloch bei der Tagung, auf der er „Zum Problem des Funktionalismus heute“ sprach.

An Daniel-Henry Kahnweiler schrieb Adorno am 18. April 1966: „Jetzt stehe ich im Begriff ein großes philosophisches Buch – mein chef d’oeuvre, wenn es so etwas noch gäbe, also vielmehr ein Anti-chef d’oeuvre – abzuschließen [Adorno meint die „Negative Dialektik“]. Sobald ich es hinter mir habe, werde ich meine ganze Kraft den ästhetischen Dingen zuwenden, die in diesem Buch strikt ausgeschlossen blieben. Ein Vortrag, den ich im Juni in Berlin halte und der ‚Die Kunst und die Künste‘ heißen wird, soll den Übergang dazu bilden.“ Adorno hielt diesen Vortrag, der den Übergang zu seiner „Ästhetischen Theorie“ bilden sollte, am 23. Juni 1966 im Studio am Hanseatenweg. Es war der Abschluss einer vielteiligen Vortragsreihe („Grenzen und Konvergenzen der Künste“), die Adorno angeregt hatte. In einem Brief an den Akademie-Präsidenten Hans Scharoun hatte er Ingeborg Bachmann, Alexander Kluge, Hans G Helms, Elmar Tophoven, Roger Blin und Paul Celan für die Vortragsreihe vorgeschlagen.

Adornos letzter Vortrag in der Akademie war „Der mißbrauchte Barock“, gehalten im Rahmen der Berliner Festwochen am 22. September 1966. An deren Intendanten Nicolas Nabokov – mit dem er befreundet war – schrieb er, „daß mir die Anwendung des Begriffs Barock auf die Musik sehr problematisch ist. Ich halte das, im Wesentlichen, für eine Erfindung der Musikhistoriker, um ihre drittrangigen Meister, durch Pseudomorphose an die große Malerei, als erstrangige Meister einzuschmuggeln“. Adorno wollte den Vortrag, wie er Nabokov sagte, zur „Abrechnung mit der Musikwissenschaft benutzen“; er hat die Vorstellung von „Barockmusik“ scharf kritisiert.

Die kleine Ausstellung „Adorno in der Akademie der Künste“ – entstanden in Zusammenarbeit mit der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur – zeigt Dokumente, Bilder und Briefe aus dem Archiv, die überwiegend unpubliziert sind. Sie will einen kaum bekannten Aspekt von Adornos öffentlicher Wirksamkeit neu beleuchten.

Michael Schwarz


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