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Berlin

Galerie Jette Rudolph

Exhibition Detail
All Around
Straußberger Platz 4
10243 Berlin
Germany


April 29th, 2011 - June 4th, 2011
 
, Wim BothaWim Botha
© Courtesy of the artist & Galerie Jette Rudolph
> QUICK FACTS
WEBSITE:  
http://www.jette-rudolph.de
NEIGHBORHOOD:  
friedrichshain-kreuzberg
EMAIL:  
galerie@jette-rudolph.de
PHONE:  
+49 (0)30-61 30 38 87
OPEN HOURS:  
Tues- Sat 11.30 am- 6.00 pm
TAGS:  
sculpture
> DESCRIPTION

Wim Botha (geboren 1974 in Pretoria, lebt und arbeitet in Kapstadt) arbeitet im Medium der Skulptur, gefertigt aus ungewöhnlichen Materialien wie Bücher oder Polysterol sowie Holz und Wachs werden die Arbeiten von klein- bis großformatigen Zeichnungen in Tusche oder Kohle sowie von Drucktechniken wie Radierung und Linolschnitt begleitet. Die einzelnen Werke installiert Botha zumeist in einem architektonischen Gefüge, welches sich aktuell weniger hermetisch präsentiert. Gleichsam werden auch die darin eingefassten figurativen Motive aus ihrem vormals narrativen oder assoziativen Diskurs in eine nun auffallend gesteigerte Expressivität überführt, die sich nach wie vor um die Themen Identität, Geschichte, Kultur, Natur und Tod mit vielerlei kunsthistorischen, heraldischen wie (natur-) wissenschaftlichen Verweisen dreht, jedoch stärker auf wenige individuelle Charaktere fokussiert ist.

„In Wirklichkeit eröffnet die Groteske [...] die Möglichkeit einer ganz andern Welt, einer anderen Weltordnung, eines anderen Lebens. Sie führt über die Grenzen der scheinbaren Einzigartigkeit, Unabdingbarkeit und Unerschütterlichkeit der bestehenden Welt hinaus.“ (Mikhail Bakhtin)

Verzerrungen und manieristisch überspannte Gesten stehen ebenso für das Werk Wim Bothas wie die spezifisch eingesetzten Bezüge zu kunsthistorischen Motiven und kulturellen Topoi. Oftmals verbindet der Künstler in seinen Installationen etabliertes Formengut mit überraschend sardonischen Elementen zu kurios wirkenden Konstellationen mit einem paradoxen Spiel zwischen Einfühlungsmöglichkeit und Empörung. Meinte das Groteske ursprünglich den Ausdruck zwangloser Fantasie, welche jenseits der kirchlich geprägten Kunst in aller Freiheit auch Mischwesen aus Menschen, Tieren und Pflanzen zuließ, erweiterte sich der Begriff in den vergangen Jahrhunderten und bezeichnet sowohl komische als auch bizarre und hässliche Grenzüberschreitungen und Brüche mit etablierten Ordnungen. Für Botha bietet sich v.a. der menschliche Körper als Projektions- wie Identifikationsfläche an, um mittels Verzerrungen und expressiver Gestik ins Groteske überführt zu werden. Botha konzentriert sich bedingungslos auf das Schicksal des anonymen  Einzelcharakters um diesen mittels seiner morphologischen Zerrstudien bis an die äußersten noch ertragbaren Grenzen ihres Körpers wie ihrer Psyche zu zwingen.

Im Zentrum von Bothas Soloshow steht ein neues Figurenensemble der "Solipsis" (i.d. Philosophie das übersteigerte Ego bezeichnend) geschaffen aus dem weißen Material Polysterol, dessen scharf geschnittene Kanten und Flächen an die Schraffuren einer Zeichnung erinnern. In die Gruppe integriert ist ein Bündel von Neonröhren, deren gleißendes kaltes Licht die Motivik menschlicher wie tierischer Kreaturen in ein abstraktes Spiel facettierter Formen aufzulösen scheint. Dem gegenüber erscheint schwebend die Büste eines jungen Mädchens installiert, dessen sanftes Antlitz aus versetzt übereinander gestapelten Kunstkatalogen herausgearbeitet wurde. Ebenso ausdrucksvoll präsentieren sich Bothas Büsten allegorischer Porträts der "Ecstasy"- Serie, die er aus afrikanischen Bibeln geradezu heraus schnitzt, um mit dem leichten Material des Papiers spielend seinen Köpfen eine befremdend morphologische Expressivität zu verleihen. Ein asymmetrisches kristallines Formenspiel gefertigt aus schwarzem Holz umrahmt das Komposit und könnte sowohl als heroische Flügel als auch als lose flatterndes Stoffwerk interpretiert werden. Die deklamatorisch und bisweilen verzerrt anmutenden Gesten der Botha´schen Büsten verweigern sich der tradierten Absicht des Porträts, das Wesen einer spezifischen Person zu veranschaulichen. Stattdessen erforschen sie menschliche Gestalt und Antlitz und konstruieren emotionale Ausdrücke, welche durch die Präsentation in unterschiedlich stark ausgearbeiteten Zuständen auf die Prozesshaftigkeit der Arbeiten hindeuten. Der suchende Blick auf die Persönlichkeit hinter dem mimischen Ausdruck wird nicht zuletzt durch den demonstrativen non-finito-Charakter der Arbeiten evoziert.
Eine Reihe von Kohlezeichnungen im Entree der Ausstellungsräume vermittelt dem Rezipienten einführend die Herleitung der Motive des Künstlers, deren Ansatz des „bewegten Vermischens“ deutlich darin hervortritt. Abstrakte Konstruktionselemente verbinden sich mit der Darstellung der menschlichen Gestalt zu morphenden Mischwesen und kombinieren durch die ganz eigene Zeichenlogik Überdeutliches mit Angedeutetem. Das geometrische Formenrepertoire Bothas verstellt die instinktive Identifikation mit der figürlichen Darstellung der Skizzen, während die indifferente Einbindung der Gestalten in ein räumliches System eine intensive Auseinandersetzung mit den stillen Gebärden verlangt.

In seinem neuesten Werkzyklus präsentiert Botha ein menschliches Ich, das sich bis in kaum noch (er-)tragbare Dimensionen ausdehnt und darin zwangsläufig verzerrt, um die an es gestellten Anforderungen kultureller, familiärer, geschlechtsspezifischer wie gesellschaftlicher, politischer oder historischer Funktion zu erfüllen. Bis es Gefahr läuft, in diesem Prozess als autonomer Autor daran zugrunde zu gehen. In Hinblick auf den neuen Werkkomplex' Wim Bothas fühlt man sich vielleicht an Houellebecqs Suche nach der inneren Wahrheit einer Person angesichts ihres Seelenlebens erinnert: „Ich weiß genau, dass der Mensch das Thema des Romans, der great occidental novel ist und auch eines der großen Themen der Malerei, aber ich kann den Gedanken nicht zurückweisen, dass sich die Leute gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, wie sie es im Allgemeinen annehmen.“ (ders., Karte und Gebiet, 2011)

english version

Galerie Jette Rudolph (Berlin) is pleased to present its second solo show featuring South African artist Wim Botha. The gallery “Laden für Nichts” (Leipzig) invited us to be guests with artist Wim Botha at the Spring Gallery Tour hosted by the Spinnerei in Leipzig on the last weekend in April. 

Wim Botha (born in 1974 in Pretoria, lives and works in Cape Town) works in the medium of sculpture, carved from unusual materials such as books and polystyrene, but also from wood and wax. These are accompanied by small- and large-scale ink or charcoal drawings and etchings and linoprints. Botha installs the varied works within an architectural framework that is presently less hermetic in form. The figurative motifs in the frame are transferred from their former narrative or associative discourse to a context that highlights their expressive force in a compelling manner and that still revolves around the themes of identity, history, culture, nature and death with many art historical, heraldic and (natural) science references; only now there is a stronger focus on just a few individual characters.

“Actually, the grotesque … discloses the potentiality of an entirely different world, of another order, another way of life. It leads men out of the confines of the apparent (false) unity, of the indisputable and stable.” (Mikhail Bakhtin)

Distortions and exaggerated mannerist gestures inform Wim Botha’s work as much as the specific references that he makes to art-historical motifs and cultural topoi. In his installations, the artist often combines an established formal repertoire with surprisingly sardonic elements, creating strange constellations that articulate a paradoxical interplay between empathy and outrage. If grotesque originally referred to the expression of unbridled fantasy, which moves beyond church-influenced art and allows for the freedom to create hybrid creatures that are a combination of human being, animal and plantin past centuries the term take on new meanings and refers to both comic as well as to bizarre and ugly transgressions and breaks with established orders. For Botha, the human body, in particular, becomes a projection surface and a space for identification which, through distortion and expressive gestures, are transformed into the grotesque. Botha unconditionally focuses on the fate of individual anonymous characters and through studies in distorted morphology, he forces them to the most extreme limits of what their bodies and psyches can bear.

A new figure ensemble has been created for “Solipsis” (the philosophy that only the self exists) which is at the center of Botha’s solo show, carved from white polystyrene material whose sharp edges and surfaces recall a drawing’s shading. Integrated into the group is a cluster of fluorescent tubes, whose bright cold light seems to dissolve the human motifs and animal-like creatures, transforming them into an abstract play between multi-faceted forms. Installed across from it is the floating bust of a young girl whose gentle countenance was carved from art catalogs that are unevenly stacked on top of one another. Botha’s busts or allegorical portraits in the Ecstasy Series are equally expressive; they are carved from African Bibles where the light paper material playfully gives his heads an expressive and alienating morphology. The composite is framed by an asymmetrical crystalline play of forms made of black wood, which can be interpreted as heroic wings or loosely fluttering fabric. The declamatory and sometimes seemingly distorted gestures of Botha’s busts refuse to adhere to the aims of traditional portraiture whose objective is to disclose a specific person’s essence. Instead, the busts explore human figures and countenances and create emotional expressions that are sculpted to varying degrees, thereby highlighting the element of process in the works. The gaze searching for the character behind the facial expression is not lastly evoked by the explicitly non-finito nature of the works.
A series of charcoal drawings in the exhibition space’s entrance introduces viewers to the background behind the artist’s motifs; his “moving mix” approach is clearly visible here. Abstract structural elements combine with portrayals of human beings to turn into morphing hybrid creatures that – through the particular logic of the signs – mix the blatantly obvious with the implied. Botha’s formal geometric repertoire displaces any instinctive identification with the figures presented in the sketches, whereas the indifferent way the figures are integrated into a spatial system demands that the viewer intensely examine the still gestures.

In his latest series of works, Botha presents a human self that extends into dimensions it can hardly bear, which inevitably distort the self in the attempt to fulfill cultural, familial and gender-specific demands as well as social, political and historical roles. Until what finally happens is that – in the process – it runs the risk ruining itself as an autonomous author.  His new composite work perhaps recalls Houellebecq’s search for a person’s inner truth and spirit: “I really know that the human being is the subject of the novel, the great occidental novel, and that the human being is also one of the major themes in painting, but I can’t dismiss the thought that people really aren’t all that different from one another, as they generally seem to think” (from “The Map and the Territory”).


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